Barry, Bruce und die Comedian Harmonists ("La Jolla Playhouse" Kalifornien)
Weimar (Deutschland) in den zwanziger Jahren - eine Zeit lähmender Ar- mut, politischer Unruhen und einer beispiellosen Inflation. Zu diesem Zeitpunkt, schließen sich sechs Männer zu einem musikalischen Sextett zusammen, das die Welt im Sturm eroberte.
Die "COMEDIAN HARMONISTS". Eine Gruppe, bestehend aus einem Arzt, einem polnischen Rabbiner, einem singenden bulgarischen Kellner, einer Baßstimme von der komischen Oper, einem Bordellpianisten und einem musikalischen Wunder.
Sie kreierten eine neue Art der Unterhaltung. Eine Musikrichtung, die den Humor der Marx Brothers mit der zeitgenössischen Musik der Manhattan Transfer‘s kombinierte. Die Gruppe war und ist bis zum heutigen Tag ein- zigartig!
Sie drehten über ein Dutzend Filme, traten in den größten und renommier- testen Konzertsälen in der ganzen Welt auf und arbeiteten mit all den Be-rühmtheiten ihrer Zeit zusammen - einschließlich Marlene Dietrich und Josephine Baker. Sie verkauften Millionen Schallplatten zu einer Zeit, als die Schallplatten-Industrie noch in den Kinderschuhen steckte.
Dank ihres außergewöhnlichen Weitblicks, ihrem Talent und ihrer Kreati- vität, wurden sie mit Erfolg, kritischem Beifall und persönlicher Bestäti- gung belohnt.
Wegen der unterschiedlichen Konfessionszugehörigkeit der einzelnen Mit-glieder - drei waren Juden, die 1935 Deutschland verlassen haben - fielen sie dem Hitler-Regime zum Opfer.
Die Geschichte berichtet von der Suche nach Harmonie und dem Versuch, durch längst vergessene Erinnerungen, den inneren Frieden wieder herzu-stellen. Eine Geschichte, die darauf wartet, erzählt zu werden
Die Show besteht aus 24 Personen: 6 männlichen und zwei weiblichen Hauptrollen, 6 weiteren Darstellern und dem Ensemble.
Barry Manilow, Bruce Sussman, Ex-Produzent Mark Schwartz und die Comedian Harmonists (von rechts unten)
1997 wurde das Musical zwei Monate lang mit großem Erfolg im LA JOLLA PLAYHOUSE (Kalifornien) aufgeführt.
Ein Interview mit den Schöpfern von HARMONY, Barry Manilow und Bruce Sussman, nach dem Debüt an dem La Jolla Playhouse.
Manilow sitzt tief in einem überladenen Sessel. Sein Lächeln ist von kleinen Augenfalten - in dem sonst so jungenhaft wirkenden Gesicht - durchzogen, als er uns das recht ungewöhnliche Thema für sein Musical Harmony erläutert:
"Sie waren so brillant; sie waren so kreativ". Wir konnten nicht verstehen, warum sie keiner kannte, warum wir niemals zuvor etwas von ihnen gehört hatten. Wir hörten zum ersten Mal eine CD von der Arbeit dieser Jungs - die Comedian Harmonists. Und dann sah Bruce diesen Dokumentarfilm, der von ihrem Leben berichtete. Das Thema interessierte uns Beide auf Anhieb".
"Barry und ich sind informationsgeil", bekennt Bruce, ein erfahrener Verfasser von vier Broadway-Musicals und Mitarbeiter von Manilow bei HARMONY. "Musikgeschichte ist unsere Leidenschaft. Es hat uns glatt die Sprache verschlagen, dass uns diese Gruppe von Sängern, die in den Zwanzigern und Dreißigern so berühmt war, nicht bekannt war".
Die Comedian Harmonists, ein Komödien-Sextett, das mit Frack und weißer Krawatte in der ganzen Welt aufgetreten ist. Irgend jemand brachte ihre alten 78er-Schallplatten auf CD heraus - sie hatten ein unglaubliches Talent. Sussman erfuhr, dass ein öffentliches Theater in New York beabsichtigte, an zwei Abenden eine Dokumentation über ihr Leben zu zeigen.
"Barry war in Kalifornien und ich in New York, also ging ich ins Theater und schaute mir 4 Stunden lang den Film über die Harmonists an - auf Deutsch mit englischen Untertiteln. Die Dokumentation wurde in den 70er Jahren gedreht, als vier Mitglieder noch am Leben waren. Ich erinnere mich noch, wie ich aus dem Film herauskam und zu einer Telefonzelle ging, um Barry anzurufen: "Barry, das ist eine unglaubliche Geschichte. Ich denke, wir haben das Musical gefunden, nach dem wir gesucht haben".
Manilow und Sussman arbeiten seit 25 Jahren zusammen. Ihre Zusammenarbeit brachte Erfolge hervor - wie "I Made It Through the Rain", "Copacabana" und "Blue" (Manilow im Duett mit Sarah Vaughn). Sie träumten stets davon, mal zusammen ein Musical zu schreiben. Nachdem diese Idee geboren war, konnten sie nicht mehr davon lassen. Die Comedian Harmonists entwickelten sich zu einem Vollzeit-Job, zu einer Besessenheit.
Manilow arbeitete gerade an anderen Dingen - Alben, Tourneen und mit Sussman zusammen an zwei animierten Zeichentrick-Filmen (Thumbelina und The Pebble and The Penguin). Seit dem Zeitpunkt, als sein Großvater dem gerade 6-jährigen ein Akkordeon in die Hand drückte, ihn mit zum Times Square nahm und er die aufregende Großstadt kennenlernte, wünschte er sich, Lieder für ein Musical zu schreiben.
Aber warum eine so düstere Geschichte? "Ich finde nicht, dass es eine düstere Geschichte ist", sagt Manilow. "Es ist eine tragische Geschichte (drei von den Comedian Harmonists waren Juden und die Gruppe wurde nach ihrer Rückkehr nach Deutschland dazu gezwungen, sich aufzulösen), die aber sehr ergreifend und schön ist. Ich meine, das Ende der Geschichte ist etwas tragisch, aber der Rest ist schön".
"Besonders der erste Akt erinnert an eine Aneinanderreihung von lustigen Begebenheiten", sagt Sussman. "Du wirst diese Jungs lieben und bemerkst gar nicht, dass sich im Hintergrund ein Sturm zusammenbraut.
"Die Nacht, als sie in der Carnegie Hall spielten, war eine sehr bedeutende Nacht in ihrem Leben", kommentiert Sussman. "Man schrieb das Jahr 1933 und während sie ein Jahr lang auf Tournee außerhalb des Landes waren, hat die Entwicklung des National-Sozialismusses ihren Lauf genommen. Eine sehr wichtige Szene in unserem Stück ist, als sie sich verzweifelt fragen, ob sie - wenn die Gerüchte stimmen sollten - in Amerika bleiben sollen, oder ob nur die Anti-Deutsche-Presse übertrieben hat. Als sie zurückkehrten und rausfanden, dass es wirklich so schlecht stand, wollten sie das Land wieder verlassen. Nun, das war nicht so einfach". Manilow und Sussman, beides Juden, waren fasziniert von der Geschichte.
"Ob mich der gesamte tragische Teil dieser Show mehr bewegt, weil ich Jude bin", sagt Manilow, "und ob es mich mehr bewegt, weil meine Verwandten es am eigenen Leib erfahren haben - darüber habe ich nie nachgedacht. Ich denke, dass es jeden bewegen wird. In dem Drehbuch gibt es Momente, wenn wir uns auf traditionelle jüdische Rituale beziehen, die mich bewegen, da ich so er-zogen wurde. Jetzt lebe ich nicht mehr nach der jüdischen Religion. Nicht, dass ich es aufgegeben hätte, ich mache es einfach nicht mehr. Aber da ich so er-zogen wurde, hat es mich während der Hochzeits-Szene, als sie das Glas zer-brachen, gepackt. Ich sagte zu Bruce "Ich glaube, ich brauche ein Taschen-tuch". "Wir haben auch schon verzweifelt nach Taschentüchern gesucht", sagte er, "schon während der komischen Einlagen".
"In diesem Stück gibt es einige schöne Melodien", sagt Sussman. "Ich denke, dass das eine Lied, eines der schönsten ist, das wir je geschrieben haben. Es ist ein Lied aus dem ersten Akt, das "In This World" heißt, und ich denke, dass Barry die Melodie ganz auf das Lied zugeschnitten hat", er streckt seine Arme gen Himmel, ihm fehlen die Worte, ungewöhnlich für solch einen Meister der Worte. Er begnügt sich mit einem ehrfürchtigen "Es ist ein Geschenk".
Sobald die Noten und die Musik geschrieben waren, beschlossen Manilow und Sussman ein Theater zu suchen, die dieses Musical aufführen sollten, bevor es am Broadway aufgeführt werden sollte, also gingen sie auf Reisen und waren in vier Staaten.
"Wir gingen mit unserem Script und der Kassette los", sagt Manilow. "In der Vergangenheit hatten wir mit vielen Leuten geredet. Wir wußten genau, was wir wollten.
Und das war das erste Mal in unserer Karriere, das wir überzeugt waren, dies zusammen zu tun.
"Wir waren immer darauf vorbereitet, das Stück in der Schublade zu legen", sagt Sussman.
"Wir trafen viele begabte Leute, die einige interessante Ideen hatten, aber es war nicht das was wir uns vorstellten", sagte Manilow.
"Sie wollten alle etwas anderes mit der Schau tun", sagt Sussman.
"Es war schwierig nein zu sagen ", sagt Manilow. "Es waren große Talente, Direktoren vielversprechenden Produzenten aus aller Welt". "Aber als wir hörten, was sie im Sinn haben, sagten wir, dass es nicht das ist, was wir wollen".
Den Mut zu finden, "NEIN" zu sagen, war ein großer Wendepunkt in unserem Leben. "Zu dieser Zeit konnten wir das noch tun"! lacht Barry.
Dann fanden wir ein regionales Theater in La Jolla (Kalifornien).
"Schon als wir aus dem Auto stiegen, wußten wir, daß es das ist, was wir suchten, sagt Manilow. "Dort ist etwas großes über diesen Ort [La Jolla Play-house]. Sie können sehen, daß sie ihr Geld ins Theater stecken und nicht in die Büros. Haben Sie gesehen, wo das Personal arbeitet? Sie arbeiten in Wohn-wagen.
"Michael Greif [künstlerischer Direktor des Playhouse] hatte an dem öffentlichen Theater in New York gearbeitet, als der Dokumentarbericht über dir Harmonists gezeigt wurde", sagt Sussman. "Er war der Einzigste, mit dem wir sprachen, der wußte, wer die Harmonists waren. Und er freute sich, als wir anfingen, darüber zu reden."
"Als wir zu unserem Auto zurück gingen, nachdem wir noch Mittag gegessen hatten, sagte Manilow "es hat Greif gefallen, was wir vor haben".