Die Story, die das Leben schrieb
"King of Schmalz" nennen ihn die Amerikaner liebevoll: Barry Manilow, der Superstar, der aus den Slums von Brookly kommt...
Drüben übern großen Teich ist er der Superstar. Einer, dessen Songs an jeder Straßenecke gepfiffen werden, einer, der über 30 Millionen LP's binnen 5 Jahren verkaufte und der pro Abend und Auftritt locker 200.000 DM kassiert: Barry Manilow. Bei uns ist der "King Of Schmalz" noch nicht so groß im Geschäft.
Hierzulande machte er erst letzten Sommer mit seiner Interpretation des Peter-Allan-Titels "Copacabana" von sich reden. Im November sah man ihn in einem 50-Minuten-TV-Special in der ARD, und wenig später hatte er ein ausverkauftes Konzert in Frankfurt.
"Ich werde auch Deutschland erobern", meint er optimistisch, was ihm jeder bereitwillig glaubt. Schnulzeninterpreten wie Heino, Udo, Peter Alexander haben es bei uns ja recht leicht, Millionen zu verdienen. Da hat auch ein Barry aus dem fernen Amerika noch Platz. Und eines kann man ihm ja nicht abstreiten: Stimme hat er, und das nötige Feeling bringt er auch mit. Kein Wunder also, wenn 35 Millionen Teenager, Hausfrauen und Großmütter mit feuchten Augen vor den Fernsehapparaten sitzen und Barry in seiner eigenen TV-Show in den USA anhimmeln: Da steht er schüchtern vor seinen drei Chormiezen in funkelnden Glamourklamotten (die liebt er nämlich über alles) und singt von der Liebe, von Trennungsschmerz und schaut dazu so herrlich aus seinen himmelblauen Augen.
Barry weiß, was die Leute an ihm mögen. Er ist ein Mensch wie du und ich, weil er es nicht leicht hatte in seinem Leben. Mit seinen 32 Lenzen hat er endlich das erreicht, was er wollte, nach jahrelanger harter Arbeit an sich selbst.
Aufgewachsen ist er in den Slums von Brooklyn als Kind jüdischer Eltern. Er war zwei Jahre alt, als sein Vater ihn und die Mutter völlig verarmt sitzenließ und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Mutter Edna wollte Barry dieses Unglück erleichtern und schenkte ihm mit 7 Jahren ein altes, gebrauchtes Akkordeon, weil "Barry schon als kleiner Junge wie ein Gott um das Radio tanzte".
Von da an übte er jeden Tag, und Mama Manilow entdeckte in ihrem Sohn das große Musiktalent. Als Barry ins Teenageralter kam, tauchte ein neuer Vater auf. Und der hatte neben der Liebe zu Mama Edna noch dazu genug Geld, um ihm ein Klavier schenken zu können. Jung Barry war happy und übte fortan auf dem Piano. Wenige Jahre später hängte er seine Collegelaufbahn an den berühmten Nagel und wechselte auf die Musikhochschule New York und später auf die berühmte Juillard-Akademie.
Nach Beendigung seines Studiums fand er keinen Job und fing schließlich als Packer in der Poststelle des Plattenkonzerns CBS in New York an. Für lausige 200 Dollar im Monat verpackte er Tausende von Platten. Ein paar Jahre später ließ er verpacken. Denn als er anfing, Jingles (amerikanisch für musikalische Werbespots) zu schreiben, wurde ausgerechnet ein Direktor der CBS auf den talentierten Packer aufmerksam. Er ließ Barry versuchsweise einige Songs für ein Musical schreiben. Barry kündigte und zog sich erst mal zurück. Als er wieder auftauchte, hatte er nicht nur einige Songs, sondern die gesamte Partitur des Musicals in der Tasche. "The Drunkard", so der Name des Musicals, läuft noch heute jeden Abend in diversen Broadwaytheatern - nach neun Jahren!
Barry war endlich wer. Doch noch dachte er nicht daran, selbst zu singen. Er lernte Bette Midler kennen und produzierte für "die göttliche Miß M," zwei LP's, die vergoldet wurden. Auf ihren Tourneen begleitete er sie am Piano. Bis zu dem Tag, an dem er während einer Show mutig selbst zum Mikrofon griff und eine Schnulze aus eigener Feder vortrug.
"Dabei kam ich mir vor, als wollte ich inmitten eines Bombenanschlages im Zweiten Weltkrieg ein Platzkonzert geben", lächelt der große Blonde. Und da hat er recht. Wer Bette Midler mal auf der Bühne erlebt hat, weiß, was es heißt, wenn plötzlich ein Schnulzenheini zum Mikrofon greift - und auch noch ankommt. Die Leute horchten auf bei der gefühlvollen Stimme. Und so entschloß sich Barry Manilow 1974 zu seiner ersten eigenen LP "Barry Manilow I". Es folgten etliche.
Titel wie "Could It Be Magic", "Somewhere in the Night", "Weekend in New England" und viele andere tummelten sich stereotyp in den Charts und blockierten die ersten Plätze. Und den ersten ganz großen Erfolg bei uns hat er zur Zeit mit seiner Version des Richard-Kerr-Titels "Mandy", die schon achtmillionenmal verkauft wurde. Und daß es nicht bei "Mandy" bleiben wird und alle "German Kings of Schmalz" sich in acht nehmen müssen, dürfte wohl klar sein, oder?
Claudia Müller | |