Interview über "Sweet Life" (1987)



Das Buch


Also, es ist eine lange Geschichte, aber es fing alles damit an, daß ein paar
Freunde von mir, die Agenten und Verleger sind, sich für diese kleinen Anekdoten interessierten, die ich erzählte. Ich habe ganz einfach über die Zeit mit Bette und
über dies und jenes geredet und sie haben mich dazu ermutigt, etwas von dem
Zeug aufzuschreiben - und das habe ich getan. Und was dabei herauskam, ist ein vollständiges Buch.

Als ich anfing, das Ding zu schreiben und ich so lange daran gearbeitet habe und
es mir mit dem Schreiben sehr ernst wurde, wollte ich das Buch so gut schreiben,
wie es jemandem, der kein Autor ist, nur möglich ist. Und ich halte mich nicht für
einen Schriftsteller. Ich befolgte den Rat meiner Herausgeber und Verleger, die mir sagten: "Ok, deine Anekdoten sind ja sehr amüsant und interessant, aber wir wissen nichts über den Mensch, der das alles erzählt. Sag uns,wer dieser Mensch ist!"

Also machte ich mich an den zweiten Entwurf und habe mal ein bißchen mein Seelenleben erforscht und etwas davon aufgeschrieben.


Langsam wurde daraus ein ernstzunehmendes schriftstellerisches Projekt.
Diese Art von Buch wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Als ich damit fertig
war, war mir bei dem Gedanken, das Ding zu veröffentlichen, etwas unwohl, weil
ich sowas noch nie gemacht habe. Ich bin kein Autor. Ich habe lange und schwer
an diesem Ding gearbeitet und als ich fertig war, war es für mich eine größere Überraschung, als für jeden anderen, daß ich das zustandegebracht hatte.

Und dann wollte ich es noch nicht einmal herausgeben, weil ich mich fragte,
WEN INTERESSIERT DAS SCHON ?!?! Nein, es ist mir nicht peinlich. Ich meine,
ich habe es gelesen und ich finde es nicht schlecht. Aber der Titel des Buches
war wirklich eine Zeit lang "Wen interessiert das schon?". Wenn das Buch über-
haupt interessant sein sollte, dann sollte es diejenigen interessieren, die an eine Karriere im Musikgeschäft denken. Das Buch, das ich eigentlich geschrieben habe, erzählt, wie alles ins Rollen kam und wie es anderen vielleicht auch ergehen könnte.

Die Herausgeber und die Verleger jedoch und alle, die es gelesen haben, erinnerten mich immer wieder daran: "Du mußt die Lücken füllen, damit wir erfahren, wer du bist!" Und das war der schwierigere Teil für mich. Aber ich hab’s getan, ich habe einige der Lücken ausgefüllt und es sieht so aus, als wenn es den Leuten gefällt, worüber ich sehr froh bin. Es wäre schon schön, wenn es wenigstens eine Zeile gibt, über die sie kichern können, eine Zeile, die ihnen etwas bedeuten könnte.


Dieses Buch zu lesen, könnte eine Hilfe sein... keine Hilfe, es in diesem Ge-
schäft zu schaffen, sondern sich darüber klar zu werden, womit man sich herumzuschlagen hat, wenn man sich entschließt, in dieses Geschäft einzu-steigen... und wie ich mit diesem Wahnsinn, der einen am Anfang einer Karriere erwartet, fertiggeworden bin.


Es ist persönlicher geworden, als ich es anfangs geplant hatte. Ich habe ver-
sucht, diesem ganzen Familien-Brooklyn-Oma-Kram zu widerstehen. Ich wollte
keine Namen nennen. Die eine dramatische Stelle darin - und darüber habe ich
nicht gerne geschrieben - war der Selbstmordversuch meiner Mutter.

Sie hat mir ihre Erlaubnis dazu gegeben, darüber zu schreiben. Ich hätte es nie
getan, ohne sie zu fragen.

(Ednas Reaktion: "...Ich habe nicht gerade gut abgeschnitten." Warum also hat
sie ihre Erlaubnis gegeben? "Weil ich heute nicht mehr so bin. Weil ich mich
heute wohlfühle. Weil es Tatsachen sind. Und weil ich meinen Sohn liebe.")

 
Ich hatte sehr viel Glück, weil ich in einer sehr armen Gegend von Brooklyn
aufgewachsen bin... Ich wuchs mit viel Liebe und mit viel Geborgenheit auf. Und ich glaube, das ist es, was ich meinen Kindern geben würde, sollte ich jemals welche haben. Ich würde ihnen genausoviel Sicherheit geben.

Meine Familie tat dies, indem sie mir sagte, daß sie mich bedingungslos liebt.
Und das alles, was ich tat und mich glücklich machte, für sie in Ordnung war.
Wenn man auf so einer Grundlage heranwächst, dann kann man Risiken eingehen, man kann etwas aufs Spiel setzen, weil du im Herzen weißt, daß es okay ist.
Meinen Erfolg schreibe ich meiner Familie zu.


Es ist keine Autobiographie. Jeder sagt, es sei eine. Ich nenne es Höhepunkte
meiner Musikkarriere - für eine Autobiographie bin ich noch nicht bereit, ich wüßte
gar nicht, wie ich das machen sollte.
 

Das Bild auf dem Buchumschlag ist ein "So-gut-müßte-man-aussehen"-Foto!


Es ist ein eigenartiges Phänomen, praktisch über Nacht eine bekannte Persön-
lichkeit zu werden. Ich meine, es ist ja nicht so, daß wir nicht dafür gearbeitet hätten, aber wenn es dann geschieht, scheint es so plötzlich zu kommen und explodiert einfach. Wenn das passiert, verwandelst du dich in etwas, das du nicht für möglich gehalten hast.

Eines davon war, daß ich verantwortungslos handelte und das ist allein meine Schuld. Wissen Sie, ich bin zweimal Pleite gegangen.

Das erste Mal, als "Mandy" herauskam... Ich war im Troubadour in Los Angeles,
als ich einen Anruf erhielt, daß "Mandy" auf Platz 1 war... und dann kam der zweite Anruf, der mir klarmachte, daß ich die Band nicht nach Hause zurück-bringen konnte, weil wir das ganze Geld, das uns die Schallplattenfirma gegeben hatte, schon verbraucht hatten.

Irgendwie habe ich mich da durchgewurstelt. Mit viel Hilfestellung und einer Menge
netter Leute gelang es mir, da rauszukommen. Aber es gibt keine Entschuldigung
für das zweite Mal im Jahre 1980, als ich entdeckte, daß ich noch 11.000 $ besaß - nachdem ich 40 Millionen Platten verkauft hatte. Ich besaß 11.000 $! Ich hatte mein Vertrauen in Buchhalter und Geschäftsmanager gesetzt, so wie jeder das tun würde. Leute, die man einstellt, wenn man die sechste Stelle vor dem Komma erreicht; damit kenne ich mich nicht besonders gut aus... wer tut das schon?!

Ich kann mit C-Dur und A-Moll was anfangen, aber wenn wir beginnen, über solche
Finanzangelegenheiten zu reden, weiß ich nicht gut Bescheid. Ich habe diesen
Leuten vertraut und sie waren keine Diebe, sie haben einfach nur die falschen
Entscheidungen getroffen. Und plötzlich befand ich mich 1980 genau da, wo ich
angefangen hatte.


"Roberta hat eine besondere Rolle in deinem Leben gespielt"!?

Nun, sie hat mir die Tür zu all den Fans geöffnet. Eine ganze Zeit lang, nachdem
der Hurrikan des Erfolges loswirbelte, war meine erste Reaktion, hinter ver-
schlossenen Türen zu verschwinden und mich nur mit Angestellten zu umgeben.
Und so verliert man völlig die Orientierung. Dadurch wird man wahrscheinlich sehr
schnell abhängig, angefangen von Menschen bis zu Drogen.

Instinktiv wollte ich mich einschließen, weil ich mit diesem Territorium überhaupt
nicht vertraut war - kein frischgebackener Prominenter ist das. Ich zog mich zurück und vertraute den Leuten um mich herum. Vor diesen verschlossenen Türen befand sich ein großes Publikum, das mehr und mehr auf meiner Seite stand.

Sie liebten meine Musik und ihre Zahl wurde größer und größer. Ich wußte nichts
davon, obwohl die Plattenverkaufszahlen nach oben schossen. Das Publikum
hatte für mich keine Gesichter. So ging ich hinaus auf die Bühne und sang zu den
erleuchteten Schildern an den Ausgängen, weil die Scheinwerfer viel zu hell sind.
Und dann rannte ich von der Garderobe zum Auto.

Wenn man das jahrelang so macht, verliert man einfach die Beziehung. Als Roberta in mein Leben trat, sagte sie: "Sieh dir mal an, was da draußen los ist. Willst du nicht hingehen und diese Leute kennenlernen?"

Nach und nach brachte sie sie hinter die Bühne, und die Mauer zwischen uns
stürzte einfach ein. Es war toll.


DAS NEUE ALBUM "SWING STREET"

Eine Seite heißt "8:00 P.M." und enthält schnelle Songs. Die B-Seite heißt
"Midnight" und besteht aus klassischen Jazz-Balladen wie "Summertime" und
"Stardust". Aber ich arbeite bereits an einem anderen Album, das im Sommer '88
herauskommen und wieder ganz im Zeichen der romantischen Balladen stehen
wird.

 
Ich beschloß mal ein bißchen Swing zu machen... ein Swing-Album. Ich wollte
jedoch kein altmodisches Swing-Album machen... und das war genau das Problem:
Jedesmal wenn ich etwas auf Tonband aufnahm, klang es etwas zu altmodisch
für mich. Deshalb habe ich während der letzten zwei Jahre viel über Synthesizers,
und alles was man damit herbeizaubern kann, gelernt. Und so habe ich irgendwie
ein Swing-Album mit Hilfe von Synthesizern gebastelt.


Das Lied "Hey Mambo" ist ein Duett mit diesem verrückten Kid Creole und den
Coconuts... seiner Gruppe. Er ist ein toller Kerl und ein absoluter Profi. Und er hat
diesen ganz typischen Stil. Die Musik der 40er Jahre kommt bei ihm aus sämtlichen Knopflöchern... und trotzdem ist er sehr modern. Jedenfalls bin ich ganz fasziniert von ihm.

Und nun haben wir also dieses Duett zusammen gesungen, das ich geschrieben
habe. Dieses Lied "Hey Mambo" wurde von der gleichen Truppe geschrieben, die
auch "Copa" gemacht hat. Ich habe es mit den gleichen Leuten geschrieben.


"Stompin' at the Savoy" hat viel Spaß gemacht, weil ich so etwas in der Art
schon ab und zu gemacht habe. Als Ex-Sänger für Werbespots habe ich natürlich
den gesamten Begleitchor gesungen. Ich singe die Hauptstimme und dann setze
ich mich hin und überspiele meine Stimme eine Million Mal, statt einen Begleit-
chor zu engagieren. Das macht mir Spaß. Das könnte ich den ganzen Tag
lang machen. Wir spielen jetzt "Stompin' at the Savoy" - ein Benny Goodman-Hit aus den 40er Jahren. Wieder alles mit Synthesizern gemacht.


"Brooklyn Blues"?

Das Lied könnte der Soundtrack für mein Buch sein. Das ist die Kurzfassung der
Geschichte, wenn man von zu Hause weg will und kaum ist man von zu Hause weg, will man wieder zurück.


Ich versuche die Leute zu überzeugen, mich in kleineren Theatern spielen zu
lassen, anstatt in diesen riesigen Arenen, in diesen großen Hallen, in denen ich
bisher aufgetreten bin..., weil ich eine Art Broadway-Show mit Schauspielern und
Kulissen und so zusammengestellt habe... und die möchte ich wirklich gerne in
kleine Broadway-ähnliche Theater bringen.

Um dies tun zu können, habe ich mich damit einverstanden erklärt, in jeder Stadt
mehrere Abende zu gastieren, so daß während der Tournee die gleiche Anzahl
von Tickets verkauft werden kann, wie sonst auch. Das ist fair. Die Produzenten
verdienen ihr Geld und ich muß nicht mehr als "kleiner Punkt" erscheinen, der von
Rauch und Laserstrahlen umgeben ist.

 
Sobald ich wieder zurück bin, spiele ich in einem CBS-Weihnachtsfilm mit. Ich
mache einen Weihnachtsfilm für CBS! Nicht Weihnachten in diesem Jahr, sondern Weihnachten 1988. Und wir drehen den Film etwa... ähh... Februar/März.
Dazu passend machen wir ein Weihnachtsalbum. Ich spiele einen Songwriter,
und es ist ein Musical. Es wird bestimmt sehr schön.


Ich habe mich absichtlich (2 Jahre lang) nicht blicken lassen, weil ich einfach
das Gefühl hatte, daß es an der Zeit war, mal wieder aufzutanken.

Irgendwie ist es schon beängstigend, für eine Weile wegzugehen, aber ich glaube,
irgendwann muß das jeder mal tun. Ich stand ständig unter Hochspannung. Es war sehr aufregend und ich habe jeden Augenblick genossen, aber ich mußte einfach mal für eine Weile aufhören und mir darüber klar werden, was ich tun wollte. Ich,... wissen Sie, ... ich bin 40 geworden (hahaha)! Ich sage Ihnen, das ist ein Erlebnis! Das ist ein..."

Interviewerin: Sie sehen großartig aus!

Barry: ... Erlebnis! Danke! Aber es ist ein Erlebnis (O-Ton = Trip), sowas mit-zumachen.

Interviewerin: Ist das Ihr Ernst? Ich habe in bezug auf mein Alter gelogen...

Barry: Ich lüge auch!!! (hehe) Aber als ich vor ein paar Jahren 40 wurde, war das
ein Erlebnis! (Barry original: "It was a trip!")


Mein Leben ist der Musik und meinen Fans gewidmet und damit hat sich's!
Meine Interviews sind langweilig. Jedesmal wenn ich mir meine Interviews ansehe, sage ich mir: "Gott, dieser Typ ist soooo laaaangweilig".