Fortsetzung von "Jonathon Ross Interview - Teil 1"
JR: Sie sind der erfolgreichste Entertainer, den dieses Land je hervorgebracht hat. Sie haben weit mehr als 50 Mio. Schallplatten verkauft.
Barry: Ja weit mehr als das. Es ist einfach unglaublich.
JR: Wenn Sie heute ein Album veröffentlichen, kümmert Sie dann noch irgend etwas - mit diesem Erfolg im Hintergrund? Lesen Sie die Kritiken?
Barry: Ich würde sehr gerne sagen: nein - es kümmert mich nicht, was aber nicht zutrifft! Denn es stimmt einfach nicht, ich lege mein ganzes Herz, meine Zeit, meine Energie, meine Leidenschaft in jedes Projekt, das ich anvisiere. Ich würde gerne sagen, daß ich sie veröffentliche und sie ihren Weg gehen lasse. Das sind meine Kinder! Ich kümmere mich um sie und ich interessiere mich für die Meinung der Menschen darüber. Ich wünschte mir, ich täte es nicht. Aber es ist einfach so.
JR: Wen sehen Sie als Ihre Gegenspieler an, Personen, mit denen Sie sich gerne messen würden?
Barry: Ich mache das nicht. Ich hatte immer das kleinste Stück vom großen Kuchen, aber es gehört mir. Ich bewundere Billy Joel, Michael Bolton, Richard (Marx), all diese Leute. Sting ist einer meiner Favoriten, wie der von vielen anderen eben auch, aber ich vergleiche mich nicht mit ihnen. Ich beurteile mich nicht nach ihren Leistungen. Ich beurteile mich immer nach meinem letzten Projekt.
JR: Sprechen wir mal über die weiblichen Fans. Erfahrungsgemäß scheint es, als wären Ihre männlichen Fans weniger enthusiastisch?
Barry: Weniger lautstark, würde ich sagen - aber sie sind da!
JR: Es scheint so, als wären sie nicht so sehr daran interessiert, zur Kenntnis ge-nommen zu werden?
Barry: Es fällt eben leichter, zu sagen, daß man ein Fan von Axl Rose ist, denn es ist leichter hinter die Kulissen vom Rock’n Roll zu sehen, er hat seine Wurzeln in der Wut. Es fällt einem leichter, sich hinzustellen und zu sagen, daß man ein Fan von Axl Rose, Guns’n Roses oder so ist. Bei Barry Manilow ist das eben schwieriger, denn man assoziiert mich mit Romantik und Gefühlen. Für Männer ist es schwierig zuzugeben, daß sie sich davon angesprochen fühlen. Aber es gibt viele männliche Fans, glauben Sie mir, wirklich viele.
JR: Man hat das Gefühl, daß Sie sich neuerdings stärker bemerkbar machen, oder?
Barry: Manchmal sind sie sogar lauter als die Frauen.
JR: Wir sprachen vorhin bereits kurz über Ihre Mutter. Alle Eltern sind auf ihre Kinder stolz, aber jüdische Mütter ganz besonders. Redete Ihre Mutter auch voller Stolz über ihren Sohn, dem Sänger und Songwriter?
Barry: Ja, und ob, mehr als genug. Aber meine ganze Familie tut das. Ich bin mir sicher, daß jeder - der Erfolg hat - sagt, daß seine Familie stolz auf ihn ist.
JR: Hat Ihre Mutter das jemals zu ihrem Vorteil genutzt, zu sagen: "Ich bin Barry Manilow’s Mutter"?
Barry: Ich glaube, das macht sie ständig. Wer kann ihr das schon verübeln?
JR: Ihr Vater hatte in Ihrem Leben nur wenig Bedeutung.
Barry: Er verließ uns, als ich 2 Jahre alt war. Und ich habe ihn eigentlich überhaupt nie richtig kennengelernt. Ich weiß nicht einmal, wo er heute ist. Aber ich habe einen wundervollen Stiefvater, er heißt Willie Murphy, und von der musikalischen Seite her gesehen, hat er meinen Motor in Gang gesetzt. Er nahm mich zu meinem ersten Gerry Mulligan-Konzert mit. Das war eines der wichtigsten Schlüsselerlebnisse in meinem Leben. Diese Erinnerung werde ich Willie Murphy nie vergessen.
JR: Es gibt eine seltsame Geschichte, die ich in einem Interview gelesen habe. Stimmt es, daß Ihr leiblicher Vater eines Tages nach einem Konzert bei Ihnen auftauchte und fast kein Wort mit Ihnen sprach?
Barry: Ja, das ist interessant, oder?
JR: Was ereignete sich?
Barry: Es war, als ich bekannt und erfolgreich wurde, bei einem Konzert irgendwo in New York. Jemand erzählte mir: "Dein Vater ist hinter der Bühne". Ich hatte seit Jahren nichts mehr von ihm gehört, seit ich 11 war. Ich sagte: "Ich komme gleich raus" und zog mir meine Hose an. Ich hatte sie gerade über die Hüften gezogen und schaute auf. Er steckte seinen Kopf durch die Tür und sagte: "Hi, ich bin Dein Vater". Ich sagte: "Hi" und Linda, meine Freundin, saß neben mir, und wir waren beide verblüfft. Er sagte: "Das hast Du gut gemacht, ich wollte Dich nur sehen". Ich zog mir die Hose an und rannte zur Tür, und weg war er. Und das war’s.
JR: War daß das letzte Mal, daß sie ihn gesehen haben?
Barry: Ja, das war das letzte Mal, daß war 1976. Interessante Geschichte, oder?
JR: Das ist bizarr! Haben Sie nie Versuche unternommen, ihn wiederzusehen?
Barry: Nein, eigentlich nicht. Es geriet wieder in Vergessenheit. Das heißt, vor 3 oder 4 Jahren habe ich herausgefunden, daß ich einen Stiefbruder habe, den ich nicht kannte. Ich habe Kontakt zu ihm hergestellt, aber wir stehen uns nicht sehr nahe.
JR: Es gehört also der Vergangenheit an!
Barry: Ja, das gehört zu meiner Vergangenheit!
JR: Sie selbst haben keine Kinder, es sei denn, es ist mir etwas entgangen?
Barry: Nein.
JR: Bedauern Sie das? Ist das ein offener Wunsch von Ihnen?
Barry: Eine Zeitlang habe ich das bedauert, aber wenn ich mir die Welt heute an- sehe, bin ich mir nicht so sicher, ob es etwas zu bedauern gibt!
JR: In welcher Hinsicht?
Barry: Ich möchte zur Zeit kein Kind in die Welt setzen.
JR: Ja, aber so gesehen, Sie haben ein wunderschönes Haus und es geht Ihnen gut - eine der besten Voraussetzungen, die man dafür mitbringen kann.
Barry: Nein, heute bedauere ich es nicht mehr, eine Zeitlang tat ich das schon.
JR: Was tun Sie, um sich zu entspannen?
Barry: Ich sitze am Computer und vertiefe mich in die Musik.
JR: Sie fahren nicht Ski, schwimmen nicht, machen kein Wrestling, nichts von alledem?
Barry: Nein, ich bin langweilig! Ich bin Musiker. Meine Band wird Ihnen die gleiche Antwort geben. Sie haben alle blasse Haut und sitzen mit ihren Instrumenten herum. Das tun sie alle.
JR: Würden Sie das auch tun, wenn sie nicht erfolgreich wären?
Barry: Ganz bestimmt! Ich wäre wohl nicht auf Tour, hätte keinen Zimmerservice und würde nicht auf Flugzeuge warten. Das würde wegfallen - aber ich würde definitiv Musik machen.
JR: Nun, es gibt da ein Thema, das Sie von einem Reporter aus England, wie mir, sicherlich schon erwartet haben - Ihre Nase.
Barry: Meine Nase? Das passiert nur in England! Sehen Sie sich das mal an (Barry zeigt sein Profil): Es ist eine ausgesuchte Nase, das hat mir meine Großmutter immer erzählt. Ich habe eine wundervolle Nase.
JR: Es gibt nichts was schlimm daran wäre.
Barry: Nur in England macht man sich Gedanken über diese Nase.
JR: Ist es der Wahn einer ganzen Nation?
Barry: Ausschließlich in England!
JR: Es mag wohl etwas übertrieben sein, aber wenn Ihr Name fällt, dann brauchen Sie nur an die Presse zu denken und sich die Leute ansehen. Sie sagen: "Barry Manilow. Ach, der Typ mit der Nase". Warum ist das wohl so? Was denken Sie?
Barry: Es ist wohl ein hervorstechendes Merkmal in meinem Gesicht. Ich glaube aber auch, daß es in England viele Leute mit einer großen Nase gibt.
JR: Weitaus größere sogar.
Barry: Sie sind sich dessen wohl bewußt. Es gibt keine kleinen Stupsnasen. Immer diese Gesichtserker. Meine Nase ist auch größer als Ihre. Sie wissen, was man über Männer mit großen Nasen sagt?
JR: ---! Ich spreche im Namen der englischen Fans. Ich möchte aus der Nase an sich auch kein Anschauungsobjekt machen. Aber hatten Sie je etwas gegen Ihre Nase?
Barry: Nein, überhaupt nicht. Ich mag meine Nase.
JR: Im Moment spreche ich nicht für mich persönlich, ich spreche für andere. Haben Sie diese Nasenwitze gestört oder haben sie Sie verletzt?
Barry: Nein, die haben mich nie gestört. Ich habe mehr darüber gelacht, als alle anderen. Ich nehme das nicht ernst. Sie sind lustig. In England bezeichnet man sie als den Concorde-Zinken. Ich denke, das ist lustig. Aber die Fans sind beleidigt, immer wenn ich einen Witz über meine Nase in England mache, dann kommt die Reaktion der Fans: "Ooohh" (Ausdruck der Mißbilligung).
JR: Ja, bei uns hat es damit angefangen. Aber wir lassen Ihre Nase jetzt sprich-wörtlich hinter uns. Eine andere Geschichte aus Ihrer Vergangenheit, die ich ge- lesen habe, und die möglicherweise garnicht wahr ist. Haben Sie an den Playboy geschrieben, um nach Rat zu fragen?
Barry: Ja, das stimmt. Es war die Handlung eines Verzweifelten, aber ich war da- mals noch sehr jung. Ich hatte einen Job in der CBS-Poststelle in New York und ich hatte ein Angebot, als Musiker auf Tournee zu gehen und in Nachtclubs für eine Sängerin zu spielen. Es war ein Problem, das mich schon seit 5 Jahren plagte -ich versuchte verzweifelt, ein Geschäftsmann zu sein, ein gewöhnliches Leben zu führen. Ich hatte geheiratet - ich wollte nur ein guter Junge sein, einfach normal sein. Aber die Musik dominierte mich.
JR: Auf was waren Sie denn eigentlich aus?
Barry: Ich wollte so sein, wie ich es gelernt hatte, wie jeder andere auch. Es galt als erstrebenswert, sein Leben eben auf diese Ziele auszurichten. Ich versuchte nur, alles richtig zu machen. Aber die Musik stand einfach zu sehr im Vordergrund. Und dann bekam ich dieses Angebot. Ich hatte den Job bei CBS und hätte dort Leiter der CBS-Niederlassung werden können, denn ich bin relativ schnell befördert worden. Also schrieb ich an den Playboy, um mir Rat zu holen, was ich tun sollte. Sie antworteten mir, ich sollte es wagen und meiner musikalischen Ader freien Lauf lassen. Ich wäre jung genug, das zu tun und könnte jederzeit wieder in einen nor- malen Job zurückkehren. Und letztendlich habe ich das auch getan, nicht sofort, aber etwas später. Ich verließ CBS und ging auf Tournee. Ich habe es nie bereut und habe nie mehr zurückgeblickt.
JR: Ich habe den Eindruck, daß Sie von irgendeiner Kraft angetrieben werden!
Barry: Ja, ich glaube, das ist so. Ich werde angetrieben, aber nicht, um irgend etwas zu beweisen, sondern die Antriebskraft steckt mehr darin, daß ich einfach verrückt nach Musik bin. Ich würde es auch tun - ganz egal, ob sich Reporter um mich scharen oder nicht. Gerade bevor Sie hereinkamen, habe ich hier im Studio meine Zeit so verbracht.
JR: Treiben Sie andere damit in den Wahnsinn? Ich stelle mir dabei eine Situation vor, wo sich jemand denkt: "Oh, würde Barry doch endlich damit aufhören, mir ständig seine neuesten Song vorzuspielen"?
Barry: Nein, so etwas tue ich nicht. Ich dränge mich anderen nicht auf! Nein, das tue ich ganz bestimmt nicht.
JR: So, wir sind damit fast schon am Ende, bevor Sie sich wieder an die Arbeit machen, um Ihr neues Album fertigzustellen - sind Sie froh, daß ich bestimmte Fragen nicht gestellt habe?
Barry: (lacht) Nein.
JR: ... oder irgendeine, die ich besser hätte nicht stellen sollen?
Barry: Nein, wissen Sie, jeder, der mich heute interviewt, fragt danach, ob mir dieser Witz über mich gefällt?
JR: Welcher?
Barry: Der mit Äthiopien. Ich bin froh, daß Sie mich nicht danach gefragt haben! Er ist komisch, aber er ist mir so übel gesonnen, daß ich ihn wirklich nicht mag. Ich bin froh, daß Sie mich nicht danach gefragt haben.
JR: Da bin ich aber froh, daß ich nicht gefragt habe! Ich weiß ja nicht, ob Sie schon davon gehört haben, aber ich beherrsche eine umwerfende Version von Copacabana.
Barry: Das glaube ich nur zu gern. In "weiß" sehen Sie genauso aus, wie ich in den 70ern.
JR: Barry, ich habe mich sehr gefreut, Sie zu treffen. Danke, daß ich mich hier in Ihrem Studio mit Ihnen unterhalten konnte!