Jonathan Ross präsentiert Barry Manilow Englisches Fernsehinterview vom 21.04.1994
JR: Wie lange leben Sie schon hier?
Barry: Seit 15 oder 16 Jahren (Anmerkung: zu der Zeit hat er noch in Bel Air gelebt). Aber Sie sehen hier nicht das Haus, wir sind hier in meinem Studio.
JR: Ich bin ein großer Fan des Nancy Wilson Albums. Sie haben mit den Texten gearbeitet, die Johnny Mercer hinterlassen hat.
Barry: Das ist sehr schmeichelhaft für mich.
JR: Fühlen Sie sich als Bestandteil des amerikanischen Showtunes?
Barry: Ich würde es nicht gerade Showtunes nennen, obwohl Showtunes durchaus gut sind. Ich finde meine musikalischen Ursprünge eher in der traditionellen Art und Weise des Songschreibens. Meine musikalische Herkunft ist eine Kombination des traditionellen Songschreibens - ich wurde von Eltern großgezogen, die großartige Songs und Songwriter bewunderten. Natürlich wurde ich auch von der damals populären Musik geprägt. Deshalb vermute ich, daß - als sich mir die Möglichkeit bot Musik zu machen - es wohl eine Mischung aus Songwriting und Grundrhythmen des Rock’n Roll war. Das ist eine Mischung, die ich hervorgebracht habe.
JR: Heute bewegen Sie sich aber mehr auf dem Jazz-Terrain?
Barry: Ich dringe in andere musikalische Gebiete vor, um sie zu ergründen - z. B. Showstoppers, das waren Broadway-Showtunes, vorher ein jazz-eingefärbtes Weih- nachtsalbum, davor wiederum Swing Street, ein Album zum Mitgehen und mein nächstes Album wird ein Tribut an die großen Big Band Songs. Ich erforsche jede Art von Musik, die mir gefällt. Vielleicht wird mein nächstes Album Klassik beinhalten, wer weiß?
JR: Danach vielleicht etwas Grunge?
Barry: Grunge könnte ein Album werden.
JR: Wir werden darauf gespannt sein.
Barry: Wartet es einfach ab.
JR: Sie haben in der Vergangenheit bereits mehrfach klargestellt, daß nicht alles, was Sie bisher aufgenommen haben, aus Ihrer Feder stammt. Es hat mich fast umgehauen zu erfahren, daß "I Write The Songs" nicht zu Ihren Eigenkomposi- tionen gehört.
Barry: Ich weiß, daß viele Leute ähnlich empfinden. Sie sind enttäuscht, wenn sie erfahren, daß ich dieses Stück nicht komponiert habe. Aber es ist ein Teil von mir, denn ich versuche immer mich selbst mit einzubringen. Und genauso ist es auch mit "I Write The Songs".
JR: Also machen Sie es durch Ihre Interpretation zu "Ihrem" Stück?
Barry: ... und durch das Arrangement, die Produktion. Wenn Sie die Demos von einigen dieser Songs hören, klingen sie den von mir aufgenommen Versionen kaum ähnlich.
JR: "Mandy" stammt ebenfalls nicht von Ihnen. Ursprünglich hieß es "Brandy" und war von den Komponisten für einen Hund geschrieben worden.
Barry: Ich habe mit Scott und Richard gesprochen, und sie sagten, daß das nicht wahr ist.
JR: Das wäre ja wohl auch ein sehr intimes Gefühl für ein Haustier!
Barry: ... auf jeden Fall ein ziemlich ungewöhnliches Gefühl, aber die Komponisten erzählten mir, daß es so nicht war. Es hieß "Brandy" und wir änderten den Titel in "Mandy", weil es zu diesem Zeitpunkt gerade einen Song dieses Namens von Looking Glass gab.
JR: Wie ist das mit Songs, die Sie auf Ihrer Greatest Hits Tour bringen? Mich interessiert dabei, wie es ist, Lieder immer wieder zu singen, weil das Publikum danach verlangt. Gibt es für Sie dabei immer noch einen Reiz, Songs wie "Can’t Smile Without You" und "Copacabana" zu singen?
Barry: Ich hätte nie gedacht, daß ich sagen würde, wie gerne ich das mache - auch nach all den Jahren. Ich freue mich jeden Abend wieder darauf. Was soll ich Ihnen sagen? Ich bin dankbar, daß ich immer noch hier bin und die Möglichkeit habe, die Songs zu singen und ich sehe dabei die strahlenden, lachenden und weinenden Gesichter im Publikum. Es ist toll und ich werde das so lange tun, wie ich kann. Es geht dabei auch nicht mehr um die Songs, es geht um die Emotionen.
JR: Es ist also das Feedback, das vom Publikum kommt?
Barry: Natürlich, denn ich singe ja für das Publikum.
JR: Viele Ihrer Songs sind romantischer Art.
Barry: Welche anderen Arten von Songs gibt es denn sonst noch? Nennen Sie mir mal Eine!
JR: Na, zum Beispiel Team Spirit.
Barry: Nein, das ist ganz bestimmt nicht romantisch.
JR: ... und von den Dead Kennedies gibt es einige ...
Barry: Stimmt, aber das ist auch nicht meine Sache, wir sprechen ja von Popmusik. Sie sprechen über einen Stil, mit dem ich nichts zu tun habe. Popsongs sind immer romantisch.
JR: ... in denen es um Beziehungen und Begegnungen von Menschen geht. Sie be-wegen sich immer auf dem gleichen Themengebiet, Ihre Texte werden nie, nennen wir es mal "eindeutig". Sie handeln von Gefühlen und Emotionen. Den Unterton Sex findet man bei Ihnen gewöhnlich nicht. Ich frage mich, würden Sie gerne darüber schreiben oder klammern Sie dieses Thema ganz bewußt aus?
Barry: Meiner Ansicht nach geht man beim Komponieren nur so weit, wie man es persönlich vertreten kann. Das Komponieren läßt auch Freiräume für dieses Thema, aber das ist einfach nicht mein Ding.
JR: Also machen Sie sozusagen rechtzeitig vor Schlafzimmertüren halt?
Barry: In "Weekend In New England" singe ich schon darüber und versuche, das auch so leidenschaftlich wie möglich zu interpretieren. Der Rest bleibt der Phantasie überlassen.
JR: Sie sind als Pianist und Komponist bekannt, aber das erste Instrument, das Sie gespielt haben, war ein Akkordeon?
Barry: Jeder Italiener oder Jude muß erst einmal Akkordeon lernen, bevor er aus Brooklyn herauskommt. Und an mir blieb es kleben, weil ich ein musikalisches Kind war. Ich spielte es besser, als ich eigentlich wollte und beeindruckte damit die Verwandten. Und es machte mir auch nichts aus, denn es hat schließlich eine Klaviatur, von der ich begeistert war. Ich haßte nur den Klang, den es erzeugte. Alles, was man darauf spielt, klingt alt - ganz egal wie man es spielt. Als ich dann zum Klavier wechselte, kannte ich bereits die Klaviatur und das gefiel mir.
JR: Würden Sie so etwas je veröffentlichen oder auf ein Album bringen?
Barry: Nein, nicht auf Platte, aber Tom Waits hat ein Album damit gemacht und hat es fabelhaft eingesetzt, mit Orchesteratmosphäre. Aber für mich klingt es immer horrormäßig. Ich hatte einmal eine Passage in meiner Show, in der ich "Do You Think I’m Sexy?" auf dem Akkordeon spielte oder "Play That Funky Music White Boy". Es klingt einfach nur schauderhaft.
JR: Sie haben früher mit Bette Midler zusammengearbeitet?
Barry: Eine der talentiertesten Personen, mit denen ich je zusammengearbeitet habe, eigentlich eine der talentiertesten Personen überhaupt. Es ist schon so lange her, daß wir zusammengearbeitet haben. Ich bin ihr dankbar, daß sie mir die Gelegenheit gab, in ihrer Show zu singen, denn das war keineswegs selbstverständlich.
Ich war ihr musikalischer Leiter und habe ihre ersten beiden Alben co-produziert. Es war eine wundervolle Erfahrung und ein Learning on the job. Von Bette habe ich die Bereitschaft zu absoluter Hingabe gelernt. Sie gibt sich einer Sache, für die sie sich entschieden hat, voll hin und führt sie konsequent zu Ende. Ich konnte ihre Einstellung 3 - 4 Jahre verfolgen und es beeindruckte mich sehr. Ich selbst habe immer versucht, ihr nachzueifern.
JR: Wie bei den meisten berühmten Künstlern, gibt es auch von Ihren Songs Cover-Versionen. "Could It be Magic", mit dem Donna Summer einen Riesenhit landete und auch Take That. Wie stehen Sie zu diesen Sachen, ein Song als Medium für Cover-Versionen?
Barry: Ich habe immer die Ansicht vertreten, daß ein guter Song immer ein guter Song ist und auch bleiben wird. Es würde mich nicht wundern, wenn man "Mandy" als Cover-Version veröffentlichen würde oder irgendeinen anderen Song. Sie sind gut komponiert und funktionieren auch, wenn man sie in Form einer Cover-Version verändert. Ich selbst habe auch eine neue Version von "Could It Be Magic" gemacht. Trevor Horn arbeitete sie zu einer Tanznummer um, eine Uptempo-Nummer für das Greatest Hits Album.
JR: Barry Manilow ist nicht Ihr gebürtiger Name?
Barry: Nein, Barry Alan Pincus. Pincus war der Name meines Vaters und als meine Eltern geschieden wurden, nahm meine Mutter wieder ihren Mädchennamen an, und so wurde ich ein Manilow.
JR: Ich dachte immer, das wäre ein Künstlername.
Barry: Wirklich? Nein, nein. Das ist kein sehr einprägsamer Name.
JR: Genau das wollte ich gerade fragen.
Barry: Nein, die Leute machten alles mögliche aus dem Namen von Cantilow bis ... Das ist kein typischer Künstlername.
JR: Wir sprechen immer noch über die Zeit mit Bette Midler, der Sie in den Conti- nental Baths begegnet sind.
Barry: Wir trafen uns in meiner Wohnung. Sie hatte ein Engagement in dieser Sauna. Sie brauchte einen Pianisten und deswegen suchte sie mich in meinem Apartment auf. Wir haben es ausgefochten. Und dann spielte ich samstags für sie. Sie war eine Ladung Dynamit.
JR: Ging es in dieser Sauna damals schon so turbulent zu, wie man sich erzählt?
Barry: Ich denke, richtig turbulent ist es immer erst geworden, nachdem wir unseren Auftritt hatten. Zumindest ist das meine Erinnerung daran. Ich weiß nicht, was sich dort sonst so abgespielt hat. Ich habe gehört, daß es recht wild zugegangen sein soll. Bei unseren Auftritten gab es immer einen Bereich, der mit einem Seil abge- trennt war, um die Bühne mit dem Klavier zu markieren.
JR: Gab es da einen Pool mit Barbereich im Vordergrund?
Barry: Es gab einen Swimmingpool, ganz hinten, ein Pool, der olympische Ausmaße hatte. Das war alles, was wir von der Bühne aus sehen konnten. Es gab auch eine Bar, die ganz gewöhnlich aussah.
JR: Trotz der immensen Popularität, trotz des ungeahnten Erfolges, den Sie hatten, bildete sich die allgemeine Meinung, daß Barry Manilow alles andere als "cool" ist. In letzter Zeit hat sich das ja geändert aber hat Sie diese Einstellung je belastet?
Barry: Natürlich, sehr sogar. Ich wußte eigentlich immer, daß ich der coolste Mann überhaupt bin. Es hat mich nur gestört, daß die Wahrnehmung der anderen immer weit von meiner entfernt war. Ich konnte es nicht glauben, daß das niemand registrierte.
JR: Liegt es vielleicht auch an einer früheren etwas kitschig und tuntig wirkenden Einlage in Ihrer Show?
Barry: Sie zielen jetzt auf Copacabana ab, oder? Wie sonst hätte ich es machen sollen? Sagen Sie nicht, daß Sie Copacabana meinen!
JR: Ich persönlich habe damit keine Probleme. Für mich ist es okay.
Barry: Copacabana bescherte mir eine Menge Probleme. Das Hemd, das ich dabei auf der Bühne trug - ich dachte, jeder würde es kapieren. Es sollte ein Spaß sein!
JR: Nein, die Ironie, kam nicht so rüber, wie beabsichtigt.
Barry: Ich meine, es gab einige Ausnahmen, diese Leute hatten es richtig aufgefaßt. Ich sehe aus wie ein bekiffter Desy O’Nes. Aber das war meine Absicht. Die meisten allerdings haben es wohl ernst genommen. Was kann ich jetzt noch daran ändern?
JR: Sie wurden von Ihrem Erfolg selbst überrascht. Sie konnten es wohl selber nicht fassen, so erfolgreich und populär zu sein!
Barry: Ja, das stimmt. Einen derartigen Erfolg hatte ich mir nie erträumt. Ich meine, ich wußte immer, daß ich Erfolg haben würde. Klingt das jetzt arrogant?
JR: Nein.
Barry: Ich wußte, daß ich musikalisch genügend Talent hatte, um Musiker zu werden. Der Erfolg an sich überraschte mich nicht, es war die Art, auf die ich erfolgreich wurde - als Sänger, Entertainer und Künstler. Es war ein Schock für mich, denn darauf war ich nie aus. Ich wollte Dirigent, Produzent oder Arrangeur sein, aber diese Karriere, die mich ereilte - denn ich strebte sie nie an - war ein totaler Schock. Singen, auftreten und unterhalten. Und mit diesem Copacabana- Hemd aufzutreten, im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens zu stehen, Applaus zu bekommen, ausgebuht zu werden, kritisiert zu werden - einfach ein kompletter Schock.
JR: Hatten Sie noch Probleme damit umzugehen, nachdem der erste Schock überwunden war? War das etwas, womit Sie nicht umgehen konnten?
Barry: Die ersten 10 Jahre meiner Karriere waren eine verwirrende Zeit, wahr- scheinlich die beste und die schlimmste meines Lebens. Ich maß meinen Erfolg an all den Auszeichnungen, die ich fast täglich bekam. Ich wußte nicht wer ich war und wo ich stand. Ich stand nicht mit beiden Beinen auf dem Boden, war sehr ver- wirrt und unglücklich, aber ich versuchte, musikalisch mein Bestes zu geben.
JR: Wie sind Sie damit umgegangen, unglücklich und verwirrt wie Sie waren? Wie äußerte sich das?
Barry: Zuerst war ich ein Arschloch. Jeder, der das erlebt, benimmt sich anfangs automatisch wie ein Arschloch. Ich bete für jeden, der - so wie ich damals - im Begriff ist, diesen ungeahnten Erfolg zu erleben. Wenn Dich dieser Hurricane erfaßt, weißt Du einfach nicht mehr, wer Du bist. Niemand sagt Dir, wie Du Dich verhalten sollst. Man macht sich zum Idioten.
JR: Welche Eigenschaften hat ein Arschloch?
Barry: Man ist launisch und behandelt Leute und sich selbst schlecht. Man glaubt alles was man sagt, man hält sich für den Mittelpunkt des Universums usw. Genau das war es, was ich erlebt habe. Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt schon etwas älter und kein Teenager mehr. Ich kann gut verstehen, wie junge Leute mit diesem Erfolg und dem Interesse an ihrer Person umgehen. Sie haben ihre Pubertät gerade hinter sich gelassen. Kein Wunder, daß sie total ausrasten. Ich war gerade aus diesem Alter heraus und war 27 Jahre alt (Anmerkung: er war schon 30 Jahre alt), als mich dieser Erfolg ereilte. Es war furchtbar. Eine gigantische Explosion. Ich explodierte in Millionen Teile und habe 15 Jahre gebraucht, bis ich diese Teile wieder alle zusammengesammelt hatte. Ich weiß genau, wie es diesen Teenagern ergeht. Man liest ja ständig darüber, was der Erfolg nach sich zieht. Sie kennen sie bestimmt, wahrscheinlich interviewen Sie diese Leute sogar am laufenden Band.
Fortsetzung folgt ... siehe Seite "Jonathan Ross Interview - Teil 2"