Besondere Merkmale: 25 Barry Manilow Singles haben nacheinander Ein- zug in die Top Fourty gehalten. Bis heute hat das niemand außer ihm er- reicht!
1978 waren fünf Alben von ihm gleichzeitig in den Charts vertreten - eine Leistung, mit der nur Sinatra und Mathis mithalten konnten.
In Großbritannien, wo er einhellig bewundert wird, wurden nur ihm, inner- halb eines Zeitraumes von 12 Monaten, 3 Platinalben überreicht - nicht einmal die Beatles haben das geschafft.
Er besitzt einen Emmy, einen Tony, einen Grammy (bester männlicher Popsänger von "Copacabana") und zahlreiche andere Auszeichnungen. Er wird verehrt - ja sogar angebetet - in Japan, in Deutschland, in Latein- amerika, an vielen Orten, an denen Ironie nicht verstanden wird.
Letztendlich weiß er, warum er erfolgreich ist. Zum Teil ist es der gleiche Grund, aus dem er verlacht wird. "Ich sage ihnen, was sie sehen", sagt er über seinen Bühnencharakter und scheut dabei jegliche Sprödheit. "Sie sehen Leidenschaft. Ich las mal einen Artikel, der besagte, daß der wahre Künstler es versteht, Leidenschaft jenseits der Scheinwerfer zu vermitteln. Zugegeben, Springsteen ist nicht mein Fall, aber ich kapiere es. Ich weiß, was er tut. Er erreicht mich, weil er so leidenschaftlich bei der Sache ist. Zumindest kann man auch von mir behaupten, daß ich versuche, Leiden- schaft zu vermitteln. Und das ist es, was funktioniert. Nicht etwa die Tat- sache, daß ich so gut singe, weil das nicht der Fall ist. Nicht etwa die Tat- sache, daß ich ein guter Komponist bin, weil Billy Joel viel bessere Pop- songs schreibt als ich. Auch nicht die Tatsache, daß ich der geborene Per- former bin. Es liegt daran, daß ich an das glaube, was ich tue, und das überträgt sich. Nun, es gibt auch Leute, bei denen kommt es nicht an. Aber ich nehme meine Seele mit auf die Bühne, also machen Sie was Sie wollen. Bei vielen Menschen verursacht es Unwohlsein, das wahrzunehmen, insbesondere - wenn es einen Mann angeht".
Sein Herz wurde dreimal gebrochen. Wenn das bedeutsam ist, dann nur, weil brechende Herzen der Dreh- und Angelpunkt seiner Karriere sind. Ein Meister des Herzschmerzes und ein Weichzeichner (weil einer es ja tun muß), versüßt er einem das gebrochene Herz, legt Banalitäten und ergrei- fende Tonwechsel hinein.
Auf der Bühne bekennt er melancholisch: "Für einen, der seinen Lebens- unterhalt damit verdient, romantische Lieder zu singen, bin ich mit meinem eigenen romantischen Leben beschissen dran". Er beklagt dann seine 1 ½-jährige Ehe, die jäh endete, als er noch ein Twen war. Er erzählt seinem Publikum: "Ich dachte, es würde für immer sein" (das war das erste Mal, daß sein Herz gebrochen wurde. Die beiden anderen Male bleiben uner- wähnt).
Aber in Wirklichkeit bereitet ihm der Gedanke an Hochzeitsglocken Un- behagen. "Ich glaube nicht an die Ehe", sagt er und erinnert sich an die Scherben seiner Scheidung und an die seiner Eltern, die sich noch wäh- rend seiner Kindheit trennten (er ist seinem Vater, einem LKW-Fahrer, seitdem wenige Male begegnet). "Ich habe viele nicht wirklich glückliche Ehen gesehen. Entweder bleiben die Leute zusammen, weil sie es müssen oder sie sind unglücklich miteinander und betrügen sich gegenseitig oder was auch immer".
Und er hält sich in Sachen Beziehungen ohnehin für "Ausschußware". "Es ist schwer, mit mir auszukommen, weil ich selbst nur schwer mit mir aus-komme" badet er sich etwas in Selbstmitleid. "Ich fühlte mich in der Ehe unwohl. Sobald ich die Papiere unterschrieben hatte, dachte ich, jetzt mußt du da sein. Es ist gut, daß Linda so ein freiheitsliebender Mensch ist. Wir leben zusammen, seit 5 Jahren, aber wir sind nicht jede Nacht aneinander-gekettet. Wir sind Liebende, wir sind Freunde und doch getrennt. Und das ist genauso, wie es mir gefällt. Die wenigen Male, die ich tatsächlich eng mit jemanden verbunden war, machten es mir unmöglich, damit zu leben. Ich bin nicht dazu geschaffen, mich auf einen Menschen festnageln zu lassen.Ich brauche meine Freiheit, nicht den Zustand des Aneinander-klebens. Ich brauche Unabhängigkeit. Wenn ich weiß, daß eine Mindest-distanz vorhanden ist, dann ist alles klar. Vielleicht bessert sich das bei mir, je mehr ich mich selbst leiden kann ...".
So beherrscht er - und das kommt nicht von ungefähr - die Sprache der Psychotherapie fließend. Er ist ein erfolgreich therapierter Patient, der sich gut auf der Couch macht und unter all den anderen Therapiemitstreitern herausragend ist. Es liegt daran, daß er jeglichem interplanetarischen Leben gerecht werden will, und das ist, wie man sich leicht vorstellen kann, im Leben eines Barry Manilow manchmal mit der Erkenntnis der Sinnlosigkeit gekoppelt. So tut er es dem Eselstreiber gleich und arbeitet an sich.
"Ich weiß nicht, wer ich bin, aber ich möchte ihn lieben", sagt er. "Ich will fähig sein, zu sagen, daß ich stolz darauf bin, wie er sich entwickelt hat". Oder: "Wäre es nicht schön, sich selbst zu vertrauen. Das ist es. Das bin ich".
In der Tat schuf er, als er sich zum ersten mal etwas zutraute, seine musi- kalische Meisterleistung - ein Jazz-Album namens "2:00 A.M. Paradise Cafe", 1984 veröffentlicht. Entspannt, mit einem melancholischen Feeling versehen und von Herzen kommend, ganz aus dem Bauch heraus, rühmt sich die Platte einer unvergleichlichen Besetzung von Musikern, darunter Mel Tormé, Sarah Vaughn und Gerry Mulligan. "Können Sie sich das eigentlich vorstellen?", sagt er noch heute sichtlich gerührt von der Er- innerung. "Ich war ein absolutes Wrack. Ich kann nicht einmal darüber reden, ohne daß dabei diese Gefühle wieder wach werden. Ich gab mir selbst die Erlaubnis, einfach den Standpunkt zu vertreten, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wo dieses Unterfangen hinführt. Ich nahm Abstand von meinem Denkschemata, das mein Handeln gewöhnlich be- stimmt und das mich in der Regel warnt: Oh nein, das wird sich nicht verkaufen. Oder: Nein, all die Leute in Cleveland, denen deine Popsongs gefallen, werden nicht den Zugang zu diesen jazzigen Sachen finden. Sobald ich mir zugestand, aufzuhören - mit den Resultaten dieser Arbeit assoziiert zu werden, konnte ich Paradise Café in nur einer Woche kom-ponieren. Es war wohl die aufwühlendste Erfahrung, die ich je gemacht habe".
Es gab einen Tag, an dem ich Barry Manilow richtig "black" werden sah. Zumal er wohl der ‚weißeste‘ unter den lebenden weißen Musikern ist, erschien mir das besonders bemerkenswert. Es geschah, wenn auch nur für kurze Zeit, in einem Probestudio in Hollywood, wo er mit seiner Tour- band, einer sehr umgänglichen Gruppe von Musikern und Sängern, eine neue, schwer auf Gospel getrimmte Version seines dynamischen Früher- folges "It’s A Miracle" probte. Am Klavier schien er sehr relaxed, er ging mit, er gab sich dem Feeling hin, er wurde zum Andrae Crouch.
Es kam einem vor, als sei eine Revival Session zustandegekommen, so ansteckend vor Begeisterung und so beseelt. Er war vollkommen losge- löst. Danach schüttelte er unzufrieden den Kopf. "Das Einzige, was mich daran stört, ist der Kirchenmief, der ihm anhaftet. Es ist unehrlich. Das bin nicht ich. Ich mag durchaus das Ambiente. Aber wie könnten wir das wohl in Kansas City bringen? Denkt ihr nicht, daß das Publikum sagen wird: Was zum Teufel macht er denn da? Es ist zu derb, vielleicht kann ich es mir noch zurechtbiegen".
"Barry, es zeigt nur eine andere Seite von Dir", protestierte sein Keyboar- der. "Du solltest Dir nicht einreden, Du könntest den Leuten nicht mit etwas Neuem aufwarten".
Debra Byrd, seine langjährige Back-up-Sängerin, die zudem auch noch schwarz ist, pflichtet ihm bei: "Du weißt, wenn du es nur glaubst, dann tun sie es auch", sagte sie. "Es liegt nur an der Einstellung, mit der man herangeht. Wenn Du nur wolltest, könntest Du Dir ein schwarzes Gewand anziehen und genauso gut vor einem schwarzen Idol einen rhythmischen Eingeborenentanz aufführen".
Nicht überzeugt, mäßigt er das Arrangement. "Es kam nicht von hier", er- zählt er mir später und schlägt sich dabei betont auf die Brust. "Es war ein sonderbares Gefühl".
Über seine Begegnung mit Madonna: "Ich sah sie in der Lobby bei einem Laura Nyro Konzert. Sie war in Begleitung von Warren Beatty und Sandra Bernhard. Ich sagte ihr, daß mir ihr neuestes Lied "Cherish" sehr gefiele. Und sie sagte (verwirrt): Nicht gerade mein Favorit! Ich sagte: Also, mir gefällt es! Sie sagte: Danke. Sie ist wirklich eine intrigante Person. Ich weiß jetzt, warum sie ein Star ist. Es gäbe keinen anderen Platz für sie, wenn sie es nicht schon wäre. Unmöglich, sich Madonna als Sekretärin vorzustellen ... Sie hat mich überzeugt, daß sie Talent hat".
"Haben Sie schon mal tausend nackte Männer mit Partyhüten auf dem Kopf gesehen? Es war absolut wahnsinnig".
Wir steigen jetzt voll ein, in die Manilow-Geschichte, die elementar gese- hen schockierend wirkt. Das vorangegangene Zitat, ein Auszug aus seinen 1987 veröffentlichten Memoiren "Sweet Life - Adventures On The Way To Paradise", beschwört seinen ersten Eindruck der 70er Jahre herauf, das Jahrzehnt seines Aufstieges. Tatsächlich würde sich jener Tag, als der Tag seines Lebens erweisen.
Es war Sylvester 1970 in New York, und der Ort war das "Continental Baths", New Yorks berüchtigte Schwulen-Sauna, mit Entertainmentblock. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte man Barry Manilow als einsame graue Maus bezeichnen können - der dürre, wenig selbstbewußte, in Brooklyn geborene und aufgewachsene Salonlöwe, der schwarze Anzüge bevorzugte und mit seinem Aktenkoffer zu den Gigs ging. Er hatte gerade erst mit diesem Wochenendengagements als Begleitpianist in der Sauna begonnen - ein Job, der nur dem Zweck galt, sich seinen Lebensunterhalt zu bestreiten - wo er nervös Shownummern für die Jungs in den Handtüchern zum besten gab. In dieser ganz speziellen Nacht jedoch sollte sich das alles ändern. In dieser Nacht würde er endlich nach der rechtmäßigen Freiheit greifen, die man sich im Showbusiness mit Selbstverständlichkeit leistet. Das heißt ganz unverholen, er entledigte sich seiner Kleidung in der Öffentlichkeit.
"Im Verlauf der ganzen Show gaben mir die Leute ständig Drinks und Joints aus", schreibt er. "Nach Mitternacht stürmten Männer und Frauen gleicher- maßen den Pool, zeigten überhaupt kein Interesse an meiner jüdisch gear- teten Mittelschicht-Spießigkeit, sondern ermunterten mich, das selbe zu tun.
Ich sah an mir herunter in meinem schwarzen Anzug", fährt er fort. "Dabei ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, wie gerne ich meine Hemmungen abschütteln würde, um mit den anderen einfach hineinzuspringen, aber alles in mir widersetzte sich dem Gedanken". Aber eine Metapher wartet auf niemanden, nach einem sich hinziehenden inneren Dialog zog er sich aus, angefeuert von einer bereits vom Chlorwasser umspülten Meute, die sich in sexuellen Zweideutigkeiten erging und sprang ins Wasser. Und so schreibt er: "Willkommen in den 70er Jahren! rief ich aus, als ich das Wasser berührte".
Er sieht sich Videobänder von sich an, auf denen er in besagtem Jahrzehnt das Geschäft seines Lebens machte. Er wird blaß dabei und murmelt: "Oh Gott, möge doch jemand diesem Typen eine runterhauen". Beim Durch- blättern alter Fotografien von sich, fragt er dann laut: "Wer hat diesen Mann bloß eingekleidet"? Er sieht Schuhe mit Plateausohlen und weit geschnittene Hosenbeine, einschnürende Hemden, die mit Glasperlen besetzt sind. Er sieht unmöglich zurechtgemacht aus, wie ein buntes Federvieh. Er wußte nie, wen er auf der Bühne darstellen sollte; er stellte immer einen anderen dar, nur nicht sich selbst.
"Da kommt man auf die Bühne mit der Lichtershow, dem Soundequipment und dem Make-up im Gesicht, und der erste Gedanke, den man hat, ist der, ein Blender sein zu wollen" sagt er. "Haben Sie jemals diese alten TV- Specials gesehen? Hand auf’s Herz - das ist doch ein Idiot auf dem Bildschirm. Ein Blödmann! Aber ich dachte damals, so sollte ich wirken - affektiert, albern, charmant, niedlich, dumm, unterhaltend und doof.
Spätestens beim 4. Special war ich davon überzeugt, ein Sexsymbol zu sein. Oh Junge, das war wie - Manilow läuft Amok! Es ist sehr, sehr schwierig, wenn es Millionen Menschen gibt, die dir applaudieren und Mädchen, die unaufhörlich kreischen. Man sagt sich, nun, vielleicht solltest du enge Hosen tragen. Aber ich sage es Ihnen jetzt, ich hätte es nicht tun sollen. Ich hab’s nicht drauf. Ich sehe mir das an und würde am liebsten im Boden versinken".
Er hat eine Karriere, die er nie wollte. Er wollte nie Liberace sein, er wollte Hoagy Carmichael sein. Seine Seele lebt für den Jazz. Er fantasiert darüber, eine Baskenmütze zu tragen und in verrauchten, heruntergekommenen Pariser Kellerclubs herumzutollen. Sein Verhängnis waren seine Ohren - er hörte die süßen Töne. Sie verkauften sich. Sie verkauften Hamburger und Akne-Watte-pads, also wurde er ein Jingle-Virtuose, und er war der Nachwelt dazu bestimmt, eingängige Oden für McDonald’s oder Stri-dex zu spielen und zu schreiben.
Als Arrangeur packte er Resonanz in den Mikrokosmos, und er brachte Schmachtfetzen in simple Formen. Im Saunabad fiel ihm die Aufgabe zu, sich der rauhen Schale Bette Midler’s anzunehmen. Sie wickelte ihn um den Finger, nahm ihn mit auf Tour und er stattete sie mit dem nötigen Ambiente aus, "schuf" sie in gewisser Weise neu.
Ihre Gemeinschaft verschaffte ihnen den ersten Plattenvertrag, er co-pro- duzierte ihre ersten und besten Alben. Dann ergatterte er sich seinen ei- genen Vertrag mit Bell Records, die später zu Arista wurden. Sie ver- öffentlichten seine erste Single "Brandy", benannten sie um in "Mandy". Sie eroberte im Handumdrehen die Spitzenposition der Charts und mani- festierte Manilow’s Frontman-Position. Der fühlte, man hatte ihm eine Karriere angedreht, die er gar nicht wollte.
"Und weil ich dieser ehrgeizige Jude bin, der ich bin - dieser übereifrige Junge aus Brooklyn - ergriff ich die Chance", sagt er heute. "Ich sagte mir, na los - mach schon. Mir gefiel es wirklich nicht, ich wollte es nicht. Ich fühlte mich absolut unbehaglich dabei. Aber ich machte mir eines klar, wer kann eine Gelegenheit wie diese einfach in den Wind schießen? Ich wußte, es war zu viel. Es gab keinen Halt. Es war eine wilde Explosion, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte, so daß ich die letzten 10 Jahre gebraucht habe, die Teile wieder zusammenzusetzen".
Erschreckt darüber, wo er sich plötzlich befand, verlor er sich selbst. Es war alles eine Nummer zu groß für ihn geworden. Er legte üble Verhal- tensweisen an den Tag. "Ich wußte nicht, wie ich diesen Alpdruck von mir nehme sollte", erinnert er sich. "An so einem Punkt, neigen die meisten Menschen dazu, Drogen zu nehmen, und ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir. Ich habe diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen. Statt dessen wurde ich tobsüchtig. Ich fluchte, ich war unausstehlich, bekam Wutanfälle, war selbstsüchtig, unbeherrscht und maßlos.
Ich war ein richtiges Arschloch. Ich glaubte tatsächlich, ich sei besser als andere, aber in meinem Herzen wußte ich doch genau, daß das nicht stimmte. Und die Gefahr bestand darin, daß die Leute, die mich umgaben, ihren Job behalten wollten - also waren sie mir gegenüber nachsichtig. Ich hätte alles bekommen können, was es auch immer gewesen wäre. Ich habe die Anita Baker’s und die - ich möchte keine Namen nennen - ge- sehen, und ich sehe, was sie durchmachen. Alles, was ich für sie tun kann, ist ein Stoßgebet loszulassen und zu hoffen, daß sie da durch kommen werden. Mein charakterloses Verhalten legte sich Gott sei Dank nach ein paar Jahren".
"Sollte Prince nicht den jüdischen Prinzen treffen"? Er meinte es scherzhaft, aber die Aussicht auf diese apokaliptische Kon- frontation brachte mich ins frostige Minnesota. Das Manilow Ensemble hatte seine Zelte auf "purple"-farbenem (Anmerkung: Purpurrot - in An- spielung auf das Album von Prince "Purple Rain") Grund aufgeschlagen.
Paisley Park, Sitz des "lovesexy" Imperiums, wurde von Manilow beschlag-nahmt, der sich dazu entschlossen hatte, seine immense Bühnenshow auf der Showbühne von Prince erstrahlen zu lassen - gegen Entgelt, versteht sich.
Seine Tournee sollte wenige Tage in einem Auftritt im nahegelegenen St. Paul gipfeln. Und so nahm er die weiße Mammutfestung ein, wo Möwen in Käfigen fliegen oder in bunte Glassteine eingeschliffen sind. Aber, oh weh, der kleine Gastgeber blieb abgekapselt in seinem darüber befindlichen Lager.
"Ich glaube, er sollte kommen und mich begrüßen", sage Manilow, mit spöttischer Entrüstung. "Es stünde ihm als gastgeberfreundliche Geste gut zu Gesicht - Prince begegnet dem jüdischen Prinzen".
Während der Pausen gingen wir zusammen die Korridore entlang und hofften darauf, einen Blick zu erhaschen. Er zeigte, wie sich herausstellte, Achtung vor Prince. "Ich hörte, daß diese Einrichtung in Schwierigkeiten gekommen ist", sagt er und meint damit den ausgedehnten Gebäude- komplex. "Nicht gerade ein profitables Unternehmen, hörte ich".
Er erinnert sich an ein Prince-Konzert, das er in Los Angeles gesehen hatte. "Er war erstaunlich", sagte er. "Mir fällt ein, daß ich eine Frau aus der Werbebranche, die mit ihm zusammengearbeitet hatte, gefragt habe: Was für ein Mensch ist Prince? Sie sagte: Ich habe ihn nie getroffen. Ich sagte: Sie haben ihn nie getroffen? Nein, sagte sie. Er kam in einer Kiste. Er kam in einer Kiste zu seiner Show! Sie rollten ihn in einer Kiste vom LKW und fuhren ihn dann auf die Bühne! Er lieferte die Show ab, ver- schwand wieder in der Kiste und sie transportierten ihn auf den LKW zurück. Und weg war er! Er ist ein Star! So schlimm standen die Dinge für mich nie. Ich hatte nie eine Kiste"!
Hin und wieder meldet er sich unter dem alten Pseudonym von "Elvis", John Burrows, in Hotels an. Er versteckt sich heute nur noch selten. Im Gegensatz zu Elvis, ist mit seiner Fangemeinde, obwohl weit gestreut und in glühender Verehrung, ein Umgang möglich. Viele seiner glühendsten Verehrer, beschämt vor Würde, halten ihren Treueschwur geheim - eine prominente Ausnahme ist nur Arsenio Hall, der in den höchsten Tönen von Manilow schwärmt, so oft dieser in seiner Show auftritt.
Genauso wie Elvis jedoch, wird er von einer besessenen Schwestern- schaft verfolgt. Frauen, die für Barry Manilow leben, wollen keine Haar- büschel oder einen Fetzen seiner Bettwäsche; sie wollen Inspiration. Für sie ist er ein Vorbild.
Sein Freund und Manager, Garry Kief, sagt: "Wenn man sich 15 Jahre lang abgerackert hat und immer noch atmen kann, vielleicht fängt man dann endlich an, an einen Gott zu glauben. Menschen erkennen das und zeigen Resonanz".
Er ist ein wahrhaftiger Schutzpatron für Außenseiter und einsame Herzen in aller Welt. "Wir sind alle einsam in unserem Leben", sagt Manilow und macht sich nicht sehr viel daraus. Aber seine Musik verkündet Hoffnung und bedrängt die Unterdrückten damit, daß sie es ihm gleichtun könnten (Anmerkung: in Anspielung auf seinen Titel "I Made It Through The Rain").
Tatsächlich ist die Einstellung "an sich zu arbeiten" ein zentrales Thema und Nährboden seiner weitestgehend autobiographischen Bühnenshow - die eher einem Theaterstück gleicht, als einer in Popmusik verpackten Erzählung. Ein vollendeter und beschwinglicher Extrakt der Show, als "God Bless The Other 99" betitelt, rühmt die herausragende Einstellung derer, die es immer wieder versuchen und beständig scheitern.
"Ich habe aus den Niederlagen mehr gelernt, als aus den Erfolgen", schmettert er eine Weisheit von Busby Bekeley. Ein anderes Stück - "Please, Don’t Be Scared" - ist ein bewegender Lobgesang auf die Überlebensinstinkte. Er garniert seine Konzerte mit ermutigenden Sprüchen wie: "Man kann nachgeben, man kann austeilen, aber man darf nicht aufgeben" (im Original: You can give in, you can give out but you don’t give up!). Es wirkt wie eine Motivationstherapie für die chronisch Eingeschüchterten - nur mit wesentlich besserer Choreographie.
"Wir alle brauchen jemanden, der uns Aussagen in diesem Tenor liefert", sagt er und zieht sich diesen Schuh voll an. "Wenn ich also dazu berufen bin, es zu tun, wenn es das ist, was sie hören möchten - dann tue ich’s einfach. Ich gebe das an sie weiter, was mich meine Erfahren bis heute gelehrt haben. Ich habe schon alles ausprobiert. Die Nummer eins zu werden motiviert mich nicht mehr. Es ist nicht befriedigend. Es ist zwar nett, aber unbefriedigend. Ich weiß nicht - ich fühle mich besser, wenn ich spüre, daß ich anderen etwas geben kann. Das ist zwar kitschig, aber so bin ich".
Eines Abends spät in St. Paul, wartet eine Schar Frauen vor dem Bühnen- eingang des Ordway Music Theaters auf ihn, wo sie ihren Helden gerade sahen, wie er ein Wohltätigkeitskonzert gegeben hat; die meisten unter ihnen hatten die Show verschiedentlich in anderen Teiles des Kontinents gesehen. Dieses Mal zahlten sie bis zu 250 Dollar pro Eintrittskarte und mischten sich unter die Einwohner von Minnesota, die in festlicher Gar- derobe erschienen waren. Sie kamen aus überwiegend unbekannten Teil- en des Landes und ihre Zähne klapperten in der Kälte. Sie brachten Ge- schenke wie Mylar Ballons (?) und Ruggelach Cake (?). Am Ausgang ging Manilow auf sie zu, nahm ihre eiskalten Hände und wärmte sie in seinen. "Danke, daß ihr hier draußen auf mich gewartet habt", sagte er zu ihnen und machte viel Aufhebens um ihre Gesundheit. "Ihr müßt euch vor dem Wind in acht nehmen"!
Bei einer Autogrammstunde am nächsten Morgen im Zentrum von Minne- sota standen Hunderte von Frauen - und einige selbstbewußte Männer - schlangenförmig hinter einem Tisch aufgereiht, wo er seinen Schriftzug auf all das setzte, was man ihm unter die Nase hielt. Die Damen - zwischen Mitte 20 bis in die späten 40er - in unterschiedlichsten Formen und Größen, gaben süße Nichtigkeiten, platte Lippenbekenntnisse von sich: "Ich fühle mich momentan sehr niedergeschlagen, deshalb bedeutet mir "Please, Don’t Be Scared" sehr viel", sagte eine. Eine andere pflichtete ihr bei und berief sich auf einige Selbstmordversuche ihrer Schwester. "Ich arbeite in einer Vollzugsanstalt und Du bist meine Rettung", erzählte ihm wieder eine andere.
All das hörte er sich aufmerksam an, bediente sich mechanischer Redens- arten in der Art gutgemeinter Wünsche, lehnt Bitten nach einem Kuß höf- lich aber bestimmt ab (wie könnte er auch einer entgegenkommen ohne einen Aufstand zu riskieren?). Ununterbrochen fuhr er fort, seine Auto- gramme zu verteilen.
"Ich liebe euch", sagte er denen, die es hören wollten. Er sagte es mehr als einmal an diesem Tag.
"Ich glaube, er ist ein trauriger Mann", äußerte er sich eines Abends in seiner St. Paul Hotel Suite. Die Unterhaltung hatte sich Elton John zuge- wandt, der einzige Künstler, mit dem sich Barry Manilow seinen großen Territoriumsbesitz in den 70iger Jahren hat teilen müssen. "Wir kannten uns damals noch gar nicht", fuhr er fort. "Er ist kein Freund von mir oder sowas. Er ist mir hin und wieder auf einer Party über den Weg gelaufen, oder hinter der Bühne, wenn er eines meiner Konzerte besuchte, oder wenn ich ihn mir angesehen habe. Er ist ein Überlebenskünstler, aber all die In-terviews, die ich über ihn gelesen habe, haben diesen melan-cholischen Unterton. Er scheint traurig zu sein. Ich wünsche ihm das Beste. Ich wünschte, er könnte sich zusammenreißen. Er ist so ein talentierter Mensch, ein wunderbarer Sänger, ein guter Komponist, der sich ausgefallen und poppig anzuziehen versteht! Was für eine irre Maskerade! Ich wünschte mir nur, er wäre nicht so traurig. Aber ich glaube, es liegt an ihm und in seiner Natur. Es kommt mir so vor, als ob manche Menschen es fertigbringen, sich selbst zu helfen, aber sie ..."
Er unterbricht sich hier, ringt mit den Händen und grinst dümmlich. Er kann sich selbst nicht helfen, aber er sieht den Kummer der anderen so offensichtlich wie andere eine Teppichleiste wahrnehmen können. Ge- nauso ist es.
"Hier bin ich, ein Guru der "Hilf Dir selbst-Mentalität", sagt er kichernd. "Aber was ich gelernt habe ist, daß man nicht zwangsläufig zum Opfer werden muß, verstehen Sie? Man kann sein Leben selbst in die Hand nehmen, und man kann Dinge dadurch ändern, indem man nur die Augen aufmacht. Ich denke, Elton braucht einen kleinen Anstoß, das ist alles".
Er zuckt mit den Schultern und lächelt und zuckt noch etwas mehr mit den Schultern. Genau das macht er.