Rolling Stone Magazine - Teil 1


WENN MIT DEINEM NAMEN WITZE GERISSEN WERDEN, DANN LEBST DU
IN DER HÖLLE. BARRY MANILOW LEBT IN DER HÖLLE!

Quelle: Rolling Stone Magazine - November 1990

 

Es gibt allerdings schlimmere Höllen als seine. Er kann parken, wo immer
er will, er kann unbekümmert einkaufen, und er kann es sich leisten, ein großzügiges Trinkgeld zu geben, ohne sich darüber den Kopf zerbrechen
zu müssen.


Verderben müßte jedoch Konsequenzen weit größeren Ausmaßes nach
sich ziehen. Und so gesehen, hat Barry Manilow nicht gerade ein unbe-
schwertes Los gezogen.


Dann gleicht es doch schon eher einem existenziellen Alptraum. Beispiel: Aufrichtigkeit ist sein Geschäft. Er weiß nur nicht, wann er ihr trauen darf.
Er hinterfragt an ihn gerichtete Komplimente ungläubig. Er sondiert sie
nach unharmonischen Mißtönen. Seine Lebenserfahrungen haben ihn das gelehrt.

Bob Dylan hielt ihn auf einer Party an, umarmte ihn herzlich und sagte zu
ihm: "Hör nicht auf zu tun, was Du tust. Du inspirierst uns alle". Diese Be-gebenheit hat tatsächlich stattgefunden. Er wußte nicht, wie er diese Be-
gegnung einschätzen sollte.

Fast zwei Jahre später verfolgt sie ihn immer noch. "Wer weiß?" sagt er achselzuckend, das Achselzucken eines Mannes, der diese Bewegung
schon oft gemacht hat.

"Es wirkt so verwunderlich, daß mir ausgerechnet Bob Dylan so etwas sagen sollte. Ich war mir nicht wirklich sicher, was er meinte. Er mag sich insgeheim darüber amüsiert haben, als er es sagte, aber es schien nicht so zu sein. Vielleicht sagt er das aber auch jedem, an dem er vorbeigeht. Vielleicht hatte er aber auch einen Drink zu viel gehabt. Wissen Sie, die Leute versetzen mir immer wieder Rippenstöße, aber doch nicht mitten ins Gesicht.
Für ein paar Minuten verließ ich diese Party, weil ich mir nicht sicher war, was ich davon halten sollte.  Ich dachte mir, na ja, vielleicht, vielleicht
doch ...".

Wenn Barry Manilow einen Barry-Manilow-Witz erzählt, dann üblicher-
weise folgenden: Ein Plattenmogul unterbreitet der äthiopischen Botschaft
ein Angebot für die Produktion einer Schallplatte zu wohltätigen Zwecken
mit bekannten Künstlern, um die Hungersnot im Land zu bekämpfen.
"Denken Sie darüber nach", sagt er abschließend. "Michael Jackson, Bruce Springsteen, Billy Idol und Barry Manilow". Äthiopien erteilt dem Vorhaben
eine glatte Absage. "Barry Manilow? He, so hungrig sind wir nun auch
wieder nicht"!

Das ist sein Lieblingswitz, erzählt er etwas leichtfertig. "Denn jedes Mal,
wenn ich ihn loslasse, sagen die Leute: Oh, das tut mir aber leid.
Das verleiht mir einen pathetischen Zug, denke ich mir".

Spott begleitet seine Karriere wie Kletten, die man nicht los wird. Er stellt Wohlwollen als eine Art des Spottes dar: "Lassen Sie mich zum Ausdruck bringen, daß ich Dan Quayle bedauere", sagt er mit großer Pose. "Du willst darüber reden, daß du die Zielscheibe von Witzen bist ...".

Dennoch hat er dem ein Ende bereitet: Witze über seine Nase, über seine Kleidung, Witze über Spießer, Macho-Witze ("Barely Manenough" als Ab-wandlung zu seinem Namen, deutsches Pendant in etwa: kaum Mann’s
genug).

Er kennt sie alle, und damit nicht genug, er archiviert sie sogar. In seinem
Haus hat er den recht ausgefallenen Korridor mit höhnischen Cartoons be-
kleistert. Von Bloom County über Andy Capp bis hin zu Popeye, er pflegt
eine persönliche Galerie der Schmach und stellt sie mit spielerischem Hohn
aus. Er läßt die Originale sogar von den Künstlern handsignieren.

"Ich weiß, sie hassen es!", sagt er und kichert dabei schadenfroh in sich hinein, wie es so seine Art ist.

Er war in gelb gekleidet. Sein Jacket wirkte so, als hätte er sich ein Feder-
kleid angelegt. So saß er da, das Abbild eines Kanarienvogels, in einem
Raum voller "Ebenbürtiger" - ein bißchen reserviert, ein bißchen links liegengelassen.

Um ihn herum fand eine rauschende Feier statt. Seine Plattenfirma hatte
den Ballsaal im Beverly Hills Hotel angemietet, um ihre vielversprechen-
den Neuzugänge zu präsentieren. Auf der Bühne gingen etliche Spontan-
improvisationen ab. Er beobachtete das Geschehen aus der Ferne, groß-
zügig applaudierend, wenn es angebracht war. Seine Präsenz sollte dem
ganzen Unterfangen Hilfestellung leisten, was er auch genau wußte. Er
nippte an seinem Wein und klopfte sanft den Rhythmus der Musik auf
dem Tisch mit - Musik, die seiner eigenen so unähnlich war. Ein klot-
ziger Diamant funkelte an seinem Finger.

Weil er darum gebeten wurde, machte er eine Verbeugung. Das gehörte
zur Requisite - niemand im ganzen Saal war wohl berühmter als er. Es
war auch niemand zugegen, der mehr Platten verkauft hatte und mög-
licherweise auch nie verkaufen würde. Bis jetzt hatte er weltweit 50 Mio. Schallplatten verkauft. Und doch steht er bedächtig auf - zumindest
leicht peinlich berührt - als würde er erwarten, von allen Seiten beworfen
zu werden. Er bekam einen netten Applaus zugedacht. Er sah erleichtert
aus und sank auf seinen Stuhl zurück, und der Schein seiner seltsam gelb leuchtenden Aura umgab ihn.

Er ist in seine Nase hineingewachsen. So sagen seine Freunde, und damit meinen sie zwei Dinge: erstens, und nur wenige würden sich da heraus-
reden, er sieht besser aus denn je. Früher sah er, na ja, hinterwäldlerisch
aus. Die Reife der Jahre hat es ihm auferlegt. Und zweitens - und es mag
einige geben, die der Aussage widersprechen, obwohl sie es eigentlich
nicht tun sollten - ist Barry Manilow grandios, herausragend, sogar eine
Legende im Sinne des Showbusiness.

Im Alter von 47 Jahren, nach 15 Jahren Plackerei in den Top Fourty und
seiner Ernennung zum Helden der zeitgenössischen Domäne, ist er ein
Gigant unter den Entertainern. Er überdauert seine Zeit. Er paßt sich an.
Er ist beharrlich. Es gibt immer wieder ein neues Album, er macht immer
wieder Welttourneen.

Es sieht sogar ganz danach aus, als sei er der Showman unserer Gene-
ration schlechthin. Er lebt für seine Wertvorstellungen von Produktionen,
für üppige Bühnenbilder, für gefällige "Aufhänger" und für subtilen Fein-
schliff. Er will sein Publikum packen.

Musikalisch gesehen, ist er ein unerreicht beliebtes Non-Pendant. Sinatra
soll bedeutungsschwer geäußert haben: "Er ist der Nächste", mit dem
Finger auf Manilow zeigend. All dem zum Trotz, ist er von Unsicherheit
geplagt. Er ist ein Verbannter, der sich diesem Ruf gefügt hat.

Wie sein Lieblingswitz vermuten läßt, hat er an der Popversammlung "We
Are The World" nicht mitgewirkt; man hat ihn nicht gefragt. Und ihm war
es ganz recht so.

"Ich bin in diesem Kreis nicht zu Hause", urteilt er. "Ich war nie ein geselliger Mensch. Ich war schon immer ein Einzelgänger".

Aber ihm ist bewußt, daß er keine andere Wahl hat. Er kann seinen Platz
in der Gesellschaft nicht bestimmen. Er fühlt sich abseits jedes Schub-ladendenkens, umhertreibend, ein Sonderling. "Ich bin ein musikalischer Außenseiter", gibt er bereitwillig zu.

"Ich wußte mich nie in eine musikalische Kategorie einzuordnen. Ich be-
trachte mich nicht als ein Zeitgenosse von Billy Joel - er repräsentiert
eher Rock‘n Roll. Kenny Rogers wird vom Country bestimmt. Barbara ist
etwas älter und mehr theaterorientiert, schauspielerischer in ihrer Darbie-
tung. Neil Diamond ist gitarrenorientiert, rauh. Ich weiß nicht, wo ich hineinpasse. Ich glaube, vielen Kritikern war ich mit meinem Leben als
Popstar schlicht suspekt; es gab einfach nichts Greifbares. Niemand, mich eingeschlossen, konnte sich vorstellen, warum sich meine Schallplatten verkauften. Mir gehört ein ganz schmales Stück dieses Kuchens. Es ist
wirklich sehr klein, aber es gehört mir allein".

Einige zufällige Entdeckungen über Barry Manilow, als Nachlese aus monatelangen Recherchen erstellt:

Er hat wiederholt Alpträume über Konzentrationslager. Er weiß nicht wa-
rum, aber er argwöhnt, daß "es wahrscheinlich mit dem Gefühl zu tun hat,
den Erfolg eigentlich nicht verdient zu haben, obwohl ich mir dafür den
Arsch abarbeite".

Wenn er jemand anderer sein könnte, dann wäre er Sting. "Er geht seinen eigenen Weg", sagt er bewundernd. "Ich wünschte, ich könnte so mutig
sein, wie er es in seinem Leben und in seiner Karriere ist". Zweite Wahl:
Tom Waits. "Er singt über sein Innenleben".

Seichte Radiostationen der Sorte, die seine Musik ausstrahlen, langweilen
ihn. "Ich bin dankbar dafür, daß sie mich spielen, bitte verstehen Sie mich
da nicht falsch", sagt er. "Aber ich kann einfach nichts mit ihnen anfangen.
Pop-Radio hat mich nie herausgefordert". Am häufigsten hört er Blues und
Jazz.

Wenn man ihm morgen sagen würde, er solle dem Gesang von "Copa-cabana" (seinem größten Hit) und "Can’t Smile Without You" im Konzert entsagen, würde er darüber nicht schmollen. Ebenso war ihm der Text zu
seiner Markenzeichen-Nationalhymne "I Write The Songs" ziemlich pein-
lich, zumindest in der Theorie. Und das in besonderem Maße, da er den
Song nicht einmal komponiert hat. Er beklagt sich: "Es wird mir den Rest meines Leben anhängen, vermute ich".

Er ist der Meinung, daß seine besten Arbeiten nicht zur Veröffentlichung
geeignet sind - ein Album von Klassikern in spe, die er zu Texten kompo-
nierte, die ihm die Witwe des legendären Johnny Mercer ("Moon River", "Skylark") vermacht hat. "Es sind die altmodischen Popmelodien, die im
Jahre 1990 vollkommen fehl am Platze wären", sagt er schmerzlich.
"Vielleicht werden sie herauskommen, wenn ich tot bin".

Er ißt kaum - und er würde lieber sterben, als Parmesankäse zu essen.
Er ist bemüht, sich alle paar Stunden die Zähne zu putzen. Wer seine
Zeitungen anfaßt, bevor er sie in die Finger bekommen hat, setzt sein
Leben aufs Spiel. Das gleiche gilt für Illustrierte. Er haßt Überraschungen
und Spinnen.

Er liebt Roger Rabbit und weiße Gardenien. Das Thema Freizeitsport auch
nur anzuschneiden, macht ihm Angst vor einem Herzanfall. "Juden gehen
nicht zelten", insistiert er. Oder "Juden laufen nicht Ski" und so weiter. Er
fährt einen roten Range Rover, große Würfel baumeln am Rückspiegel.

Er sehnt sich danach, sich einen Bart stehen zu lassen, aber er würde es
nur in der Abgeschiedenheit tun. Er genießt die Ruhe der Abgeschieden-
heit so gut wie nie.

Dieser Mann hat eine Auffahrt - es ist eine sehr lange Auffahrt. Es ist eine Auffahrt, die gut und gerne 70 bis 80 Auffahrten hergeben würde; sie ist
als Rundbogen angelegt, der sich hangaufwärts den unberührten Bel Air Wäldern entgegenschlängelt. Dort, an der Spitze des dreiviertel Meilen
langen Auffahrtweges, trifft er mich eines Nachmittags. Er hat Bartstop-
peln im Gesicht und eine enorm große europäische Sonnenbrille, trägt
ein Baseballcap, ein graues T-shirt, Jeans und Sandalen. An ihm wirkt
diese Lässigkeit wie eine große Anstrengung. In jeder Hinsicht wirkt es
unpassend - genau wie die Berichte, daß er im Morgengrauen die Auf-
fahrt (Anmerkung: mit dem Moped!) hinunterfährt, um die Zeitungen
zu holen, und das in der Unterwäsche.

Barry Manilow zu Hause ist dem Barry Manilow auf der Bühne so ganz
und gar unähnlich. Die Kleiderordnung mal beiseite gelassen, wirkt das
Licht, das auf ihn fällt, falsch. Und wenn die ansteigende Auffahrt mit
Erwartungen gepflastert ist, so fällt Manilow‘s Villa gegen diese Erwar-
tungen krass ab, ein gemütliches - im Ranchstil errichtetes - Gebäude, vollgepfropft mit Kristallglas und Kunstgegenständen, bietet es ein
sagenhaftes Panorama zu dem ihm zu Füßen liegenden Los Angeles.

Hier lebt er ruhig, wenn nicht sogar einsam. "Das ist der Ort, an dem
Linda und ich leben", gibt er bekannt und verweist auf Linda Allen,
die Frau, mit der er seit Beginn seines Ruhmes am häufigsten in Ver-
bindung gebracht wird. Linda ist nicht zu Hause, sie entwirft die Aus-
stattungen zu Filmkulissen, normalerweise an weit entfernten Orten.
Sie ist aber nur sehr selten zu Hause. Aus diesem Grund wiederum,
ist auch er dort nicht anzutreffen, weil er auf Tournee ist. Grundsätz-
lich gesprochen, ist dies ein Zuhause, in dem niemand sehr viel zu
Hause ist.

"Wird es eine sehr einseitige Sache werden?", fragt er mich und meint
damit diesen Bericht, argwöhnisch wie immer. Er ist gleichzeitig dank-
bar für die Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt und ungläubig da-
rüber, daß sie ihm überhaupt zukommen könne. Obwohl sein Verhalten
unfehlbar und aufrichtig ist, weiß er dennoch nicht, wie man ihn ernst
nehmen soll. Er wünscht sich, daß man ihm Respekt zollt. Dennoch
zermürbt ihn der Gedanke, seine demographische Anziehungskraft
könne völlig daneben liegen. Aus diesem Grund bittet er seine Freunde
und Kollegen in meiner Gegenwart inständig: "Gebt euch locker-flockig".

Er wollte Jody Watley im Konzert erleben, also gingen wir ins Universal Amphitheatre und sahen sie uns an. Drei Songs lang standen wir an un-
seren Plätzen, und wie die meisten im Publikum tanzte und hopste er
im Takt der Musik. Nach dem dritten Titel stieß er mich an und sagte:
"Wollen wir einen Kaffee trinken gehen"? Wir verließen das Gebäude.
Draußen am Parkplatz sagte er leicht verärgert: "Ich hab’s geschnallt. Es
dreht sich alles um die Bass Drums. Große Stimme, große Ohrringe, ge-
bündelte Energie. Ich meine, es ist laut. Ich bin zu alt für sowas". Später, während einer Tasse Kaffee im nahegelegenen Restaurant, ergänzt er:
"Es sah aus wie eine schlechte Vegas-Show, aber sie ging darin auf. Das
muß man ihr zugutehalten. Aber sie sah aus wie Ann-Margaret oder so
ähnlich".

Billy Idol, wie sich herausstellen sollte, saß mit einer Schar von Leuten
im gleichen Restaurant. Als er erkannte, daß Barry Manilow unter ihnen
weilte, begann er blöde und höhnische Grimassen zu schneiden, in der
Art von  Harpo Marx. Dabei amüsierte er sich außerordentlich. Schließ-
lich informierte jemand Barry Manilow, der nicht mitbekommen hatte,
daß sich Billy Idol im gleichen Raum befand. "Oh Gott", sagte er und
seufzte unangenehm berührt.

Hier ist die Geschichte, wie er Bruce Springsteen und Billy Joel vergnazt
hat:

Wie das Leben so spielt, saßen die drei an einem kleinen Tisch in Phila-
delphia, ungefähr 1974. Irgendwie hatte es sich ergeben, daß sie alle zur
gleichen Zeit in der Stadt waren. So versammelten sie sich, zufällig zu-sammengewürfelt, auf Geheiß eines regionalen Disc-Jockeys namens Ed
Sciaky, der gemeinsam mit seiner Frau zugegen war. Bruce trank Wasser
und verhielt sich gelöst. Billy trank Black Russian und war unleidlich.
Barry trank Kaffee und betrieb Konversation, um freundlich zu sein. Viel
zu sehr, wie man meinen könnte.


"Sciaky erinnert mich immer wieder daran, daß ich mich wie ein Arsch-
loch benommen habe", sagt Manilow. "Offensichtlich sagte ich an einem
Punkt dieser Unterhaltung, daß von uns Dreien - wartet es ab, ich einmal
der größte Star an diesem Tisch sein werde. Ed sagte, er ist zusammen-
gezuckt und seine Frau begann zu witzeln. Ich erinnere mich nicht mehr
daran, aber wenn ich das tatsächlich gesagt haben sollte, dann war es,
weil ich von uns Dreien die wohl am offenkundigste kommerzielle Musik machte. Ich respektierte ihre Musik mehr als meine eigene und sagte zy-
nisch: Ha, paßt nur auf!
Aber es kam vollkommen falsch an, und sie werden es mir nie verzeihen.
Bis zum heutigen Tag reagiert Billy Joel angewidert, wenn Leute ihm ge-
genüber meinen Namen erwähnen - und dabei bin ich ein unglaublicher
Bewunderer von ihm".


Fortsetzung folgt ... siehe "Rolling Stone Magazin - Teil 2"